Des Kaisers neue Kleider

Wenn ich an die Zeit denke, in der ich als Architekt arbeitete und dieses Fach studierte, muss ich manchmal immer noch innerlich den Kopf schütteln. Natürlich gab es nette Leute dort. Es gab aber auch die, bei denen alles ganz extravagant, exklusiv und besonders war. Es fing im Studium an. Extravagant war für die Professoren dort meistens, wenn ein Gebäude grau und schlicht war. Je grauer und schlichter, desto schicker. Wenn es dann noch viel Glas und Stahl aufzuweisen hatte, war die Sache irgendwo perfekt. Vielleicht hier und da noch eine Sichtbetonwand, grau und dezent. Unendlich chic. Vor einiger Zeit baute ein Bekannter von mir ein altes und unscheinbares Haus um. Und man wird es nicht glauben, welche Farbe es hat. Genau. Nun ist das Haus immer noch alt und unscheinbar, wurde jedoch restauriert. Aber dafür es besitzt nun nicht einfach ein herkömmliches, großes Fenster, durch welches einem die vorbeigehenden Passanten morgens, abends und auch tagsüber mitten ins Zimmer hinein schauen, ganz besonders dann, wenn es draußen dunkel und innen hell ist, nein, dies ist nicht einfach ein Fenster. Dies ist eine Kommunikationsöffnung zwischen Innen- und Außenraum, welche Blickbezüge herstellt und fördert. Dass einem hierbei vorübergehende, unbekannte Menschen auf dem Esstisch schauen, muss man des großen, optischen Vorteils wegen in Kauf nehmen. Und in diesem Haus geht man auch nicht einfach eine Treppe nach oben, sondern findet eine Raumskulptur vor, die sich dreidimensional nach oben entwickelt. Auch, wenn der normale Bürger, der nun nicht einen Architektenblick hat, sie als Treppe bezeichnen würde. Wenn ich so zurückblicke auf die Vorstellungen mancher Architekten, muss ich heutzutage an des Kaisers neue Kleider denken. Denn in dieser Geschichte geht es ja auch darum, dass dem Kaiser ein unsichtbares Kleid als etwas Fantastisches verkauft wird. Derjenige, der es nicht sehe, sei einfach zu dumm, um es zu sehen und zu verstehen. In Bezug auf so manche Architekten fühlen sich auch heute noch viele Menschen als Kaiser und trauen sich nicht, zu sagen, was der normale Menschenverstand eigentlich sagen möchte. Zu grau, zu eckig, zu unattraktiv. Seid ihr nicht auch Künstler, ihr Architekten? Zumindest manche von euch?

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