Wie man Religion empfindet

Religion ist im Grunde etwas, das durch die persönliche Sozialisation entsteht. Man wird geprägt durch die Eltern, die Familie, die Freunde, die Schule, die Gesellschaft und durch die heimlichen Erzieher, nämlich die Medien. Wer beispielsweise in frühen Jahren der Kindheit vernachlässigt wurde oder in einem wenig emotionalen oder sogar dysfunktionalen Elternhaus oder vielleicht einem Heim aufwuchs, könnte dadurch gewisse psychische „Geschenke“ mit ins Erwachsenenleben nehmen. „Geschenke“ sind in diesem Fall etwas ironisch gemeint, nämlich stellen sie vielleicht das Problem dar, sich vertrauensvoll auf jemanden einzulassen oder die Sorge, nichts wert zu sein, vielleicht auch die Erfahrung von restriktiver und autoritärer Erziehung. Derartige Erfahrungen in der persönlichen Lebensgeschichte setzen sich in der religiösen Sozialisation fort. Lernt man Gott und den Glauben in einer liberalen und toleranten Umgebung kennen, wird das künftige Gottesbild natürlich völlig anders sein, als wenn man in einer angsterfüllten, von Enge geprägten und strafenden Atmosphäre aufwächst. Zwar kann man natürlich beispielsweise im Neuen Testament selbst nachlesen, wie Jesus, und somit Gott höchstpersönlich, der sich in Jesus Christus zeigt, etwas über das Wesen Gottes berichtet. Dennoch bleibt tief im Inneren die Empfindung immer bestehen, die man mit Religion und Glauben verbindet und die man in der Kindheit und Jugend gelernt hat. Von diesem Standpunkt aus kann man Menschen, die über Religion schimpfen, mit Nachsicht begegnen, weil sie durch ihre Sozialisation eine gewisse Prägung in und für ihr Leben mitgenommen haben. Dennoch gibt es natürlich immer auch die Möglichkeit, neue und positive Erfahrungen mit dem Glauben und der Religion zu machen. Denn auch als Erwachsener muss man nicht stillstehen. Aber vielen Erwachsenen ist offensichtlich ihre frühkindliche und jugendliche Prägung nicht so bewusst, als dass sie die Einsicht hätten, wo möglicherweise Fehlprägungen vorgefallen sind und wo diese korrigiert werden sollten. Eines der Hauptprobleme beim Glauben ist wohl die Fähigkeit zu vertrauen. Wer lernen kann, zu vertrauen, kann sicher auch lernen, zu glauben.

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. dierkschaefer sagt:

    Die „Geschenke“ waren oft eine MitGIFT, wobei entgegen der Etymologie das Gift tatsächlich ein Gift war. Es ist schön, dass Sie an die Heimkinder gedacht haben. Leider nicht in diesem Zusammenhang auch an die kirchlichen Erziehungseinrichtungen. Ich bin immer wieder geradezu fasziniert, wie meine Amtskollegen das Thema beschweigen.
    Vor wenigen Tagen veröffentlichte ich in meinem Blog einen Nachruf auf Helmut Jacob. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/ Er hatte mit den ersten Artikeln unseres Glaubensbekenntnisses keine Probleme. Der dritte Artikel wurde ihm gründlich vergiftet und er trat aus der scheinheiligen „Gemeinschaft der Heiligen“ aus. Doch er hat – gegen diese Kirche – „einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit.“
    Am 10. November wird er in der Martinskirche, in der der ehemaligen „Hölle von Volmarstein“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/ mit einer Trauerfeier verabschiedet.
    Andere ehemalige Heimkinder verfügen testamentarisch, dass jeder, der sie in ein Heim der „kirchlichen Mafia“ verlegen sollte, enterbt wird. Die meisten haben allerdings aufgrund vorenthaltender Bildung in unseren Erziehungseinrichtungen nicht viel zu vererben.
    Bisher hat sich – soweit ich sehe – noch niemand meiner Kollegen differenziert zu den theologischen Grundlagen der „Rettungshäuser“, im Falle von Volmarstein auch der „Mutterhäuser“ geäußert.


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  2. theolounge sagt:

    Oh weh, der berichten Sie von einem schlimmen Kapitel. Wenn ich das richtig verstehe, vermutlich aus der katholischen Kirche.

  3. dierkschaefer sagt:

    Neeeiiin! Si tacuisses … Doch zum Philosophen hätten Sie’s damit doch nicht gebracht, weil Sie in selbstverschuldeter Unmündigkeit verharren. Selbstverschuldet? Sie haben nicht gelesen, was ich angeboten hatte. Die Links waren EVANGELISCH.
    Die Evangelen waren nicht besser als die Katholen. Zölibat hin, Zölibat her, trotz vermutlich geregeltem Sexualleben gab es auch genug evangelische Kinderficker. Ich könnte Sie mit einem ehemaligen Heimkind verbinden, der Ihnen drastisch die Qualität von Diakonenschwänzen im evangelischen Stephansstift in Hannover verklickern kann. Doch es geht nicht in so sehr um den viel spektakuläreren Kindesmissbrauch; der war nie gerechtfertigt, weder theologisch, noch allgemein. Es geht um Demütigung, Misshandlung, Bildungsverweigerung, Ausbeutung und Indoktrination. Dabei hatten die Täter ein gutes Gewissen und meinten es auch vor Gott zu haben.
    Generell: Wenn Sie in eine Diskussion einsteigen, informieren Sie sich. Werden Ihnen Links angeboten – und Sie haben keinen begründeten Verdacht, sich Trojaner einzuhandeln – lesen Sie sie. Ich will Sie nicht auf meinen Blog locken mit einer Fülle von Material. Gehen Sie also lieber auf die sichere Seite des Pfarrerblatts: „Die Kirchen und die Heimkinderdebatte, Scham und Schande, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 5/2010 , http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812
    Wenn Sie sich dann doch für das Thema und seine theologischen Hintergründe interessieren sollten, recherchieren Sie, warum und wieso in kirchlichen Einrichtungen Kinder besonders gefährdet waren – im Unterschied zu staatlichen, die auch schlimm genug waren, doch dort fehlte etwas speziell Religiöses. Selbst in den anthroposophischen Einrichtungen, durchaus nicht unreligiös, denn mit dem blühenden Blödsinn von Rudolf Steiner durchseucht, waren Kinder weniger gefährdet als in den unsrigen.
    Wenn Sie fündig werden, publiziere ich es gern.
    Ich fürchte aber, Sie machen’s wie fast alle meiner Kollegen: Sie ducken sich weg oder stellen sich blöd.

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  4. theolounge sagt:

    Danke für Ihren Kommentar und es tut mir sehr leid für das, was Sie vermutlich erlebt haben. Das Ganze ist aber nur am Rand das Thema, mit dem ich mich hier in dem Blog auseinandersetze, drum gehe ich persönlich der Sache nicht wesentlich weiter nach, wenngleich ich vermute, dass hier unsägliche Dinge passiert sind. Aber das hier ist kein offizieller Blog der evangelischen Kirche, sondern mein privater und der hat eben nicht dieses Thema. Darum finde ich das Thema zwar bedrückend, beschämend und insgesamt ein Verbrechen, aber mir persönlich reicht es, wenn ich mich mit solch üblen Dingen nicht allzu tief beschäftigen muss. Ich verdränge es nicht, ich gehe davon aus, dass dort wirklich üble Dinge geschehen sind. Aber ich fühle mich nicht verpflichtet, mich in meiner Freizeit mit solch unsäglichen Dingen, die ich persönlich absolut widerwärtig finde und die andere begangen haben, auseinandersetzen zu müssen. Es gibt, glaube ich, genug Leute, die der Sache mittlerweile gründlich und auch juristisch nachgehen.

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  5. dierkschaefer sagt:

    Ich selber habe nichts dergleichen erlebt, bin aber anscheinend der einzige Pfarrer in beiden Großkirchen, der hier halbwegs glaubwürdig auftritt.
    Es ist wirklich reizend, dass Sie davon „aus[gehen], dass dort wirklich üble Dinge geschehen sind.“ So dürfte Jesus vielleicht auch beim Umgang mit Leprakranken gedacht haben, doch er handelte anders. Behalten Sie Ihr reines Herz und hüten Sie sich, mit unangenehmen Realitäten konfrontiert zu werden. Es ist doch beruhigend, dass „es genug Leute [gibt], die der Sache mittlerweile gründlich und auch juristisch nachgehen“. Sollen doch andere den Unrat beseitigen. Dem ist allerdings leider nicht so. Sondern das Unrecht wurde in die Gegenwart verlängert. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortlaufend Böses muss gebären.

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  6. theolounge sagt:

    Es ist also reizend, wie ich rede. Wenn ich Sie reize, höre ich lieber auf damit. Ich wünsche Ihnen alles Gute weiterhin.

  7. theolounge sagt:

    Es ist ja gut, wenn Leute wie Sie sich darum kümmern. Ich bin kein Pfarrer und es ist nicht mein Thema, aber wie ich dazu stehe, habe ich ja schon gesagt. Ich wüsste jetzt nicht, was Sie von mir hören möchten. Soll ich mit Ihnen jetzt eine Allianz bilden? Oder welches ist eigentlich Ihr Anliegen?

  8. theolounge sagt:

    Dass wir beide das Thema schlimm und dramatisch finden, wurde ja schon klar. Aber was erwarten Sie eigentlich von mir? Wollten Sie sich hier einfach nur mal aussprechen, oder geht es Ihnen um eine konkrete Antwort, die Sie hören wollen? Ich bin da gerade etwas ratlos. In der Sache stimmen wir doch überein.


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  9. dierkschaefer sagt:

    O, sorry, da war ich wohl an der falschen Adresse. Unter theolounge erwartete ich bisher Artikel von jungen Theologen, und es waren sehr gute darunter. Sie hatten aber selber das Thema von „Geschenken“ im Rahmen der Sozialisation junger Menschen und ihrer Empfänglichkeit für Religion angesprochen. Inhaltlich lag ich da doch nicht falsch. Schon war ich im Begriff, einen etwas süffisanten Artikel über theolounge für meinen Blog zu schreiben. Da Sie nun wohl doch kein Theologe sind, können Sie meiner Aufforderung nicht nachkommen, sich mit den theologischen Wurzeln von Demütigung, Misshandlung, Bildungsverweigerung, Ausbeutung und Indoktrination in kirchlichen Erziehungseinrichtungen zu beschäftigen. Also nicht Ihr Terrain.
    Dass Sie allerdings nichts Genaues wissen wollen, – andere machen das ja schon, lässt mich fragen, wie Sie Ihre Verantwortung als Staatsbürger sehen. Der Vergleich ist überzogen: doch in der deutschen Historie hat sich Wegschauen als fatal erwiesen. Und was wollen Sie Ihren Kindern, falls Sie schon welche haben, über Religion und Gewissen mitgeben?


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  10. theolounge sagt:

    Sie drehen mir ständig das Wort im Mund um. Vielleicht merken Sie es gar nicht. Ich habe gesagt, dass ich die Sache, von der Sie reden, durchaus dramatisch finde und denke, dass bereits einige Leute dieser Sache nachgehen. Mein Thema ist es nicht, weil ich darin kein Experte bin. Sie sind offenbar zu einem Experten in diesem Thema geworden und drum wäre es sinnvoll, wenn Sie dieses Expertenwissen auch sinnvoller einbringen könnten, als mir hier irgendwelche an den Haaren herbeigezogen Dinge zu unterstellen. Sie können gerne in die theolounge Autorengruppe kommen und dann auf der theolounge Ihr Wissen kommunizieren. Es macht aber keinen Sinn, wenn ich über dieses Thema schreibe, in dem ich einfach nicht drin bin. Machen Sie das doch bitte. Dazu nehmen Sie bitte Kontakt auf über die bei dem Punkt „Wir über uns“ angegebene E-Mail-Adresse. Wenn Sie Ihrem Blog ein Impressum hinzufügen, können wir auch auf Artikel Ihres Blogs verlinken. Aus der Anonymität heraus geht das allerdings nicht, denn dies wäre uns zu unseriös.


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