Harvey Weinstein oder: was ist Macht?

Der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein wird derzeit massiv sexueller Übergriffe und einiger Vergewaltigungen beschuldigt. Da Vergewaltigungen ohnehin ein eindeutiges Verbrechen sind, lasse ich die mal außen vor und behandle nur die Frage von sexuellen Übergriffen. Wie kann es sein, dass, meistens Frauen, diese derartige Übergriffe denn überhaupt zulassen, wenngleich es hierbei nicht um körperliche Kraft, sondern um das Tolerieren dieser Übergriffe geht?

Oder anders ausgedrückt: Macht hat nur derjenige, dem man sie gibt. Dieser Spruch ist richtig und dennoch zu einfach.

Die meisten Menschen auf der Welt befinden sich in Abhängigkeiten, viele davon in finanziellen. Wer von uns muss nicht für sein täglich Brot arbeiten, vielleicht sein Haus, seine Wohnung, Urlaub und so weiter? Genau. In der Regel fast alle. Und wer von uns möchte nicht einen Beruf, der ihm oder ihr einigermaßen gefällt, aus dem man also abends raus geht und sagen kann, ich habe irgendwie etwas Sinnvolles gemacht? Genau, auch die meisten. Und hier liegt das Problem.

Wenn nun eine junge Schauspielerin auf der Couch eines Filmproduzenten Platz nimmt für ein Vorstellungsgespräch, geht es bei ihr um eben diese Dinge. Sie muss auch irgendwie ihr Leben finanzieren und ist bestrebt, einen Job oder Beruf zu finden, der ihr einigermaßen gefällt. Wenn dann aber ein Filmproduzent plötzlich übergriffig wird, parallel dazu aber in Aussicht stellt, die Bewerberin habe ganz gute Chancen, befindet man sich in einer Abhängigkeitssituation. Zwar könnte man als Bewerberin natürlich sagen, egal, ich verzichte auf das Ganze. Und in der Tat gibt es einige Menschen, die in solchen Extremsituationen so reagieren, manche überlegt, manche impulsiv richtig. Im Grunde handelt es sich dabei aber um Situationen, in denen man zwar theoretisch rational denken kann, von der Situation aber überrollt wird. Vergleichbar wäre dies vielleicht mit dem Beispiel, dass man irgendwo im Dschungel abgestürzt ist und nicht weiß, wie man herauskommen soll, bzw ob es jemals gelingen wird. Seit Jahren schon irrt man durch diesen Dschungel und findet aber nicht heraus. Einerseits versucht man, im Dschungel zu überleben, also seinen täglichen Unterhalt zu sichern, andererseits möchte man nicht sein Leben lang in diesem Dschungel bleiben, weil man zu Recht der Meinung ist, Leben sei mehr und solle mehr sein, als bloßer Überlebenskampf. Dann landet ein Hubschrauber und bietet eine an, man könne einsteigen und wäre in wenigen Stunden in der Zivilisation, da, wo man immer hin wollte, dorthin, wo man seit Jahren schon versuchte, hin zu gelangen. Was wird man machen? Einsteigen. Wird man das auch tun, wenn man vermuten muss, im Hubschrauber sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu werden? Das ist der Punkt. Hier scheiden sich die Geister. Die meisten Leute lassen sich hier überrumpeln, denn zu groß ist die Angst, im Dschungel zu bleiben. Einigen wenigen ist dies egal, sie sagen nein und gehen zurück in den Dschungel. Sie sagen, den Weg aus dem Dschungel heraus finden sie dann auch auf andere Weise, weil sie ihre Prinzipien haben. Bewundernswert, aber nicht gerade einfach und wohl auch nicht die Ausnahme. Und darum geht es auch bei sexuellen Übergriffen in einer Abhängigkeitssituation. Man könnte nein sagen, zählt aber eins und eins zusammen und wägt die Alternativen ab, die mühevoll und beschwerlich sind. Also vertraut man einem vermeintlichen Versprechen, über das man im Nachhinein enttäuscht sein wird, weil es sich wohl ohnehin nicht erfüllt. Wohl dem, der an dieser Stelle nein sagen kann. Und wohl dem Hubschrauberpiloten, der solche Situationen nicht ausnutzt. Denn auch dieser müsste sich dann hörhen Prinzipien verpflichtet sehen. Was leider nicht alle Menschen tun.

http://www.zeit.de/kultur/film/2017-10/harvey-weinstein-skandal-public-shaming

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