Naturwissenschaft und Gott

Der folgende Artikel behandelt Gedanken zu naturwissenschaftlichen Methoden und Wirklichkeitsverständnis.

Ein Fischer hat ein Netz mit einer Maschenweite von 5 cm. Da er also niemals einen Fisch gefangen hat, der kleiner als 5cm ist, kommt er auf die Idee, dass es keine kleineren Fische als 5 cm geben könne.

Auf die Naturwissenschaften übertragen soll das heißen, dass nur die Dinge, für die es Messmethoden gibt, naturwissenschaftlich existieren. Bis vor kurzem glaubte man noch, Gravitationswellen beispielsweise könne es nicht geben, doch vor einigen Monaten wurden sie entdeckt, weil man auf einmal die nötigen Messmethoden hatte. Die Existenz von Gravitationswellen war zwar von einigen Wissenschaftlern postuliert worden, jedoch war sie bis zu ihrem Nachweis gewissermaßen eine Glaubenssache.

Ein anderer Fall. Zwei Forscher im Urwald stellen fest, dass auf einer Lichtung Pflanzen wachsen, Blumen blühen und Unkraut wuchert. Der eine nimmt an, es müsse einen Gärtner geben, der für dieses Grünen verantwortlich sei. Die beiden legen sich auf die Lauer, entdecken jedoch keinen Gärtner. Daraufhin nimmt der eine an, der Gärtner könne nicht existieren. Denn er stellt ihn sich vor wie einen Menschen mit Gießkanne und Gartenschlauch. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei beiden Forschern um ein semantisches Missverständnis. Der eine nämlich versteht unter dem Begriff Gärtner einen Menschen, der sichtbar sein muss, der andere wählt diesen Begriff für etwas Größeres, für das er sonst keinen Begriff hat. Er will im Grunde sagen, hinter dem Blühen dieser Pflanzen muss doch etwas stehen, was sie verursacht. Dies nennt er Gärtner.

Der Theologe Paul Tillich beschreibt das Wirklichkeitsverständnis in Bezug auf Gott folgendermaßen: Gott ist Tiefe. Mit diesem Verständnis kann bereits auch ein Atheist in gewisser Weise gläubig sein. Gott ist die Tiefe des Lebens, wer also im Leben Tiefgang findet, ist bereits auf der Suche nach etwas, was hinter allem steht. Wer beispielsweise knapp einem Unfall entgeht, fängt an zu fragen, warum. Wer zufällig in einer fremden Stadt einen alten Freund ganz unverhofft trifft, stellt die Frage, warum. Diese und weitere Fragen gehen davon aus, dass das Leben mehr ist, als das, was man so sieht. Dass das Leben also einen Sinngehalt und Tiefgang besitzt, der hinter allem steht. Wer solche Fragen stellt, ist gewissermaßen schon gläubig und auf der Suche nach einem tiefen Sinngehalt, er ist letztlich bereits auf der Suche nach Gott. Und wer stellt schon solche Fragen nicht?