Ist das Streben nach Glück ein Unglück?

Die meisten Menschen weltweit, so muss man unterstellen, streben im Grunde danach, glücklich zu sein. Griechische antike Philosophen nannten dieses Ansinnen das Streben nach der eudaimonia, nach der Glückseligkeit. Die demokratisch freiheitliche Grundordnung in Deutschland trägt unter anderem auch diesem Streben Rechnung und ermöglicht es jedem, innerhalb gewisser Grenzen dieses persönliche Ziel anzusteuern.

Aber nicht jeder, der glücklich sein will, erreicht damit etwas Gutes. Man denke beispielsweise an die verrückte Krankenschwester aus dem Film Misery, die einen berühmten Buchautoren gefangen hielt, ihm schließlich die Beine zerschmetterte und ihn in den Tod befördern wollte, nur, weil sie selbst glücklich sein wollte. Denn sie wollte nicht allein sein, sondern zusammen mit ihrem großen Idol in Symbiose leben und so dies nicht möglich sei, dann eben doch wenigstens zusammen mit ihm sterben.

Auch der verkannte und miserable und vermeintliche Künstler aus Österreich, der ab 1933 ein ganzes Volk demagogisch verführte und den Zweiten Weltkrieg auslöste mit seinen etwa 70000000 Toten, der eine gigantische Anzahl an Gräueltaten gegen Juden und andere Ethnien vollbrachte, wollte möglicherweise nur glücklich sein. Vielleicht ging es ihm um Anerkennung, da er doch von der Kunstakademie nicht genommen worden war. Möglicherweise sah er sein Treiben als künstlerische Inszenierung und wollte zudem vielleicht sein Unbehagen vor dem Anderssein anderer Menschen beseitigen. Es sollten also nur Menschen existieren dürfen, die ihn nicht beunruhigten. Alle anderen sollten gefälligst sterben. Dann wäre er glücklich gewesen, vielleicht.

Oder der mit rechtsradikalen Ressentiments immer wieder hantierende Alexander Gauland der ins Rechtsradikale abgedrifteten Partei AFD, auch bei ihm geht es vermutlich darum, dass er sich glücklich fühlen möchte. Anerkannt und sicher. Und sicher fühlt er sich vermutlich dann, wenn seine imaginären Feinde, die ihn in seiner Vorstellung zu überfremden drohen, alle beseitigt und ausgewiesen sind. Eine nach Anatolien „entsorgte“ Angst, und sei sie noch so eingebildet, sei immerhin eine Angst weniger, so geht wohl sein Denken.

Oder Ehepartner, die streiten und streiten und streiten, obwohl die Kinder und viele andere dabei auf der Strecke bleiben. Ihr Ansinnen dabei ist einerseits, Recht zu haben, hintergründig jedoch, endlich glücklich zu sein, denn wenn sie Recht bekommen, so seien sie glücklich, glauben Sie.

Das Rechthabenwollen ist auch für viele Menschen der vermeintliche Garant für Glücklichsein. Wir Recht bekommt, muss doch automatisch glücklich sein, glauben viele.

In diesem Zusammenhang muss ich an einen Witz denken. Ein 90-jähriger, so wird berichtet, habe sich sein Leben lang noch niemals gestritten. Ein Reporter will ungläubig dieser Sache auf den Grund gehen und sucht diesen Mann auf. Er fragt ihn, Sie streiten sich also nie, Sie wollen nie Recht haben? Nein, antwortet der Mann. Der Reporter insistiert lautstark und ungehalten, das stimmt doch überhaupt nicht, Sie lügen mich an, natürlich wollen auch Sie Recht haben!

Der alte Mann hält kurz inne, lächelt und sagt: da haben Sie bestimmt Recht. Und streitet sich nicht.

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