„Für alle!“ 

Von Cornelius Beck. „Für alle!“ Das war in vielen Netzwerken das Motto des gestrigen Tages. Für viele ein Freudenfest, für manche ein Angriff auf bisherige Vorstellungen.

Aber was bitteschön für alle? Die standesamtliche „Ehe“? Ein Konzept, das sonst selten bedacht und besprochen wird, erlebt in dem Moment einen gesellschaftlichen Hype, in dem es schwulen und lesbischen Paaren nicht länger vorenthalten wird.

Was ist der Kern dieses Konzepts aus der momentanen gesellschaftlichen Sicht und Situation heraus und warum ist es trotz aller gegenteiliger Trends attraktiv und begehrenswert?

Die stärkste kulturelle Wirkung einer staatlich bestätigten „Ehe“ besteht aus meiner Sicht in der Markierung einer eigenen Familieneinheit in der Abgrenzung zur vorigen Generation.

Wer standesamtlich heiratet, markiert damit sein eigenes Lebensrevier, in das die vorige Generation nicht länger hineinregieren darf und in dem Nebenbuhler nichts zu suchen haben.

Selbst wenn Ehen wieder geschieden werden, so markiert die einstige standesamtliche Trauung trotzdem den biografischen Schritt in ein eigenes, selbstverantwortetes Familienleben.

Diese Abstands-Markierung im Sinne von „Hallo Eltern und Nebenbuhler, dies hier ist mein Revier, mein Rudel, mein Lebensraum“ halte ich für eine unabdingbare biografische Zäsur, die zwar auch ohne Standesamt, aber noch besser und klarer mit staatlicher Etikettierung vollzogen werden kann.

Ihre Romantisierung hat nicht nur etwas mit Hollywood, Verliebtsein und Sexualität zu tun. Hinter ihr steckt die Sehnsucht nach einer starken Identität als Paar oder als Gemeinschaft, in der Kinder heranwachsen können.

In der Fähigkeit, unsere eigene Kernfamilie klar zu markieren, besteht eine große Chance für unser Bedürfnis, hier auf der Erde irgendwo wirklich geborgen und zuhause zu sein.

Die Urkunde vom Standesamt schafft so ein Zuhause noch nicht. Aber sie ist ein starkes Symbol und ein Schutzraum, innerhalb dessen man sich ganz aufeinander einlassen und gemeinsam für die kommende Generation da sein kann.

Dass die familiäre Identität innerhalb dieses markierten Reviers wachsen und stark bleiben kann, dazu braucht es nicht zuletzt auch die Unterstützung eines Umfelds, das diese kleinste aller gesellschaftlichen Einheiten achtet und fördert.

Die standesamtliche Bekundung einer Partnerschaft verleiht ihr Schutz vor den Angriffen anderer, die diese infrage stellen wollen. Dieser besondere staatliche Schutz steht homosexuellen Paaren aus meiner Sicht schon immer zu, in Deutschland wird er erst jetzt, viel zu spät, Gesetz.

Aber dass die Familieneinheiten unserer lesbischen und schwulen Freunde, Nachbarn, Gemeindemitglieder, Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzten nicht nur standesamtlich geschützt, sondern auch im Alltag voll anerkannt werden, dazu ist noch viel kulturelle Arbeit notwendig.

Denn wenn wir die heimliche oder offenkundige Missachtung weiter führen, die Schwulen, Lesben und Intersexuellen über Jahrtausende zuteil wurde und in vielen Gemeinschaften tief eingeprägt ist, dann hilft ihnen auch die Urkunde vom Standesamt nichts.

Im Zusammenhang der gestrigen Abstimmung war wieder von „Gewissensentscheidung“ die Rede. Das klingt groß, ist aber letztendlich eine Ablenkung von einer anderen Gewissensfrage: Wie respektvoll wir mit schwulen und lesbischen Paaren in unserem Umfeld umgehen und ob wir es schaffen, ihrer Missachtung ein Ende zu setzen. Wenn wir das nicht schaffen, dann ist ein schlechtes Gewissen in der Tat angebracht.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. dierkschaefer sagt:

    Richtig süß. Man setzt Duftmarken wie die Hunde. Unabhängig von „für alle“: so habe ich das nie gesehen und ich sehe das auch nicht so. Davon, dass die Duftmarken nicht wirken oder gar reizen, zeugt die Weltliteratur und im Gefolge viele Filme. „Kirschen in Nachbars Garten …“


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  2. theolounge sagt:

    Kannst du etwas genauer erläutern, was du meinst?

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