Neben dem Fahrradweg in München liegt eine ältere Frau im Straßenrand im Grünstreifen zwischen Fahrradweg und Straße. Beigefarbener Mantel,daneben steht die Handtasche, die offen ist, zwei leere Flaschen drin. Keine Bierflaschen, vielleicht eine Graniniflasche. Bräunlich gefärbte Zähne. Man hält an und fragt, ob sie einen Arzt braucht. Sie sagt nein. Dabei ist es sehr heiß, 31°. Sie fragt, ob man etwas zu trinken hat. Man gib ihr eine Flasche Wasser und sie trinkt einen kleinen Schluck. Man fragt noch mal, ob sie einen Arzt braucht, sie sagt wieder nein. Eine Frau hält mit dem Fahrrad an und fragt, ob es ihr gut gehe oder ob sie Hilfe brauche. Die Frau sagt, es sei okay bei ihr, sie brauche keine Hilfe. Die Frau mit dem Fahrrad fährt weiter. Die Frau spricht einen an, ob man noch etwas anderes zu trinken habe. Man verneint, nur das Wasser, das man eben aufgefüllt habe, das kann sie natürlich behalten.

Weil man nichts mehr für die Frau tun kann und sie auch keine Hilfe will, fährt man weiter. Es kommen einem Gedanken in den Sinn, was, wenn es ihr doch nicht gut geht. Man bespricht es anschließend mit jemand anderem. Derjenige meint, es sieht wohl so danach aus, als ob es sich um eine Alkoholikerin handeln könnte. Auch, weil man ja noch einmal nach etwas anderem zu trinken gefragt wurde. Gemeint war womöglich Alkohol. Denn was soll denn sonst gemeint gewesen sein? Sonst hätte sie doch gefragt, haben Sie einen Kaffee, eine Cola, eine Apfelschorle.

Das mag sein. Es kommen einem Gedanken vom barmherzigen Samariter in den Sinn. Dieser hatte ja einen Menschen, der von Räubern halbtot in der Wüste liegen gelassen worden war, mitgenommen, ihm die Unterkunft in einer Gaststätte bezahlt und sogar noch Geld da gelassen, damit für ihn gesorgt ist. Jesus erzählt dieses Beispiel, als er gefragt wird, wir der Nächste sei. Der Nächste, das ist immer der Mensch, der einem begegnet. Und auch derjenige, der Hilfe braucht.

Man macht sich Gedanken darüber, wie schwer manche Ansprüche Jesu zu erfüllen sind und ob sie denn tatsächlich so gemeint sind. Hätte man die Frau in ein Hotel bringen sollen? Oder einen eine Entziehungsklinik? Hätte man, falls es eine solche Klinik hätte sein müssen, ihr diese Klinik bezahlen sollen?

Andererseits, sie wollte keine Hilfe. Man hatte sie gefragt, die Radfahrerin hatte sie gefragt, sie hatte abgelehnt. Und von Räubern halbtot geschlagen war sie auch nicht. Auch in der einsamen Wüste liegt sie nicht. Möge es ihr gut gehen und möge sie gewusst haben, was sie da sagte. Hilfe wollte sie nämlich nicht. Darf man jemandem Hilfe geben, wenn er sie überhaupt nicht möchte und er aber bei vollem Verstand zu sein scheint? 

Nachtrag, wie es weiterging

Gegen 16:30 Uhr fuhr man mit dem Auto vorbei und die Frau lag immer noch da. Man stieg aus, sprach mit ihr, sie sagte, sie hätte gerne etwas zu trinken, eine Cola. Man kaufte sie ihr, dazu noch ein Brötchen mit Käse und Salami. Einen Arzt wollte sie nicht. Sie sprach sehr leise, man konnte sie schwer verstehen. Es war immer noch heiß, 31,5 Grad. Aber sie ließ nichts mit sich machen. Man fuhr also wieder.

Gegen 20:30 Uhr schaute man noch einmal vorbei. Die Frau lag immer noch da. Man sprach wieder mit ihr, ließ sich diesmal aber nicht mehr abwimmeln. Sie sprach, wie schon beim zweiten Mal, davon, es sei irgendwie ein Test, den sie da bestehen müsse. Das Ganze wirkt aber ziemlich wirr. Schließlich rief man bei der Polizei an, schilderte die Lage und diese schickte einen Notarzt vorbei. Eine Ärztin und ein Sanitäter redeten mit der Frau, wollten ihr Blutzucker abnehmen, aber sie wollte nicht. In ein Krankenhaus wollte sie auch nicht. Schließlich stand sie auf, packte ihre zwei Decken und ihre Handtasche zusammen und ging. Es schien nun doch relativ deutlich, dass sie wohl leider auf der Straße lebt. Und dass sie psychisch vermutlich irgendwann einmal doch einen Knacks abbekommen hatte. Oder ein Trauma. Was auch immer. Körperlich zumindest war bei ihr soweit alles einigermaßen in Ordnung.

Da geht sie nun dahin, in den Abend, in die Nacht und wird vermutlich auf irgendeiner Bank oder einer Wiese schlafen. Ihre Welt ist eine völlig andere als die, in der man selber lebt. Kurz begegneten sich die Welten, nun lebt man selber wieder in der eigenen Welt. Aber es gibt sie, diese andere Welt. Und Menschen müssen in ihr leben.

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