Der „Prüfling“ und das Abitur

„Der Prüfling hat eine Aufgabe seiner Wahl zu bearbeiten.“ 

So hieß es heute beim Deutsch-Abitur in Bayern. Über diese Aufforderung kann man sich so seine Gedanken machen. Es steht dort also nicht, der Prüfling „solle bitte, soll oder muss“, sondern ein anonymes und nebulöses „er hat folgendes zu tun“. In feinstem und vollendetem Bürokratensprech wird die Anonymität und ein verborgenes Müssen, das von einer grauen, unbekannten Eminenz angeordnet wurde, verkündet. Hat er vielleicht zudem auch noch auf die Toilette zu gehen? Etwas schöner noch wäre wohl die Formulierung mit einer Gerundivkonstruktion:

Der Prüfling hat eine zu bearbeitende Aufgabe seiner Wahl zu bearbeiten. 

Die technokratische Anweisung könnte auf diese Weise noch weiter verdichtet werden. Auch die scheinbare Wahlfreiheit könnte so zumindest verbal etwas unterminiert werden. Denn der Prüfling hat dies zu tun. Er hat nicht einfach nur herum zu sitzen, nein, er hat zu funktionieren.

Und wer ist eigentlich ein Prüfling? Gibt es analog dazu dann auch Prüflinen? Der Begriff hört sich irgendwie stark nach einer Sache oder einem Ding an. Der Prüfling sitzt auf einem Sitzling und hält einen Schreiberling. An der Wand der Turnhalle hängt ein Basketballring. Und vor der Tür wartet ein Flüchtling. In einem Blumentopf sprießt ein Setzling.

Ein klein wenig freundlicher und auf Augenhöhe wäre doch folgende Anweisung gewesen: 

Bitte wählen Sie eine Aufgabe und bearbeiten Sie diese. 

Mit dieser Art der Arbeitsaufforderung wird man nämlich als Mensch angesprochen. Nicht als Ding. Aber solch eine Formulierung ist offenbar in dem Textbaukasten nicht enthalten. Schade eigentlich. Sollte nicht bei einer solch zentralen Formulierung, welche den Prüfling in eine für ihn essentielle Prüfungssituation hinein holt, das asymmetrische Verhältnis von Prüfer und dem zu Prüfendem ein wenig nivelliert werden? Denn Sprache ist nicht unwichtig, sie formt die Gedanken und Handlungen von Menschen und Gesellschaften. Und sie drückt ebenso Liberalität und Demokratie aus wie auch das Gegenteil, nämlich autoritäre Unterordnung.

Und entspricht es überhaupt noch unserer Zeit, den vor dem Blatt sitzenden sogenannten Prüfling indirekt in der dritten Person anzusprechen, er habe folgendes zu tun? Wäre es nicht irgendwie zeitgemäßer, ihm einfach direkt und mit einer kleinen Bitte versehen zu sagen, was man von ihm erwartet?

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Berti sagt:

    Ich will nicht bös sein, aber das war heute mein so ziemlich kleinstes Problem 😀


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

  2. mastermirror sagt:

    Ich will nicht bös sein, aber das war heute so ziemlich mein kleinstes Problem 😀


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

  3. theolounge sagt:

    😉

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, müssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s