Braucht man Karfreitag eigentlich?

Am Karfreitag gedenken Christen einer höchst dramatischen Angelegenheit. Jesus, der den Beinamen Christus erhält, wird gekreuzigt.

Das allein war im römischen Reich nichts besonderes und auch keine Seltenheit, in dem Reich, das von der imperialen Staatsmacht schlechthin kontrolliert wurde. Wo die Römer waren, wuchs zunächst kein Kraut mehr. Sie brachten Frieden, indem sie Krieg brachten. Der römische Friede war dann erst in zweiter Reihe gegenwärtig, wenn die Völker unterworfen waren, Sklaven gemacht worden waren und die Steuergelder nach Rom flossen. Dann gab es irgendwann auch öffentliche Ordnung und für manche Leute, besonders römische Bürger, möglicherweise die Vorzüge öffentlicher Thermen und Amphitheater.

Die Kreuzigung war eine der grausamsten und öffentlich wirksamsten Strafen der Römer. Jeder konnte sehen, was passieren würde, wenn man sich mit der imperialen Staatsmacht anlegte. Insofern gab es unzählige Kreuzigungen, Jesus war nur eines ihrer Opfer.

Und dennoch interpretieren die vier Evangelien dieses Ereignis als etwas weltumspannendes und weltbewegendes. In Ihrer Schilderung kommt es zu einem Erdbeben, die Sonne verfinstert sich, die Toten steigen aus ihren Gräbern und der Vorhang im Tempel zerreißt.

Jesu Tod fand etwa um das Jahr 30 bis 33 statt, das älteste Evangelium, das Markus-Evangelium, wurde um das Jahr 70 nach Christus herum abgefasst, Matthäus und Lukas um das Jahr 90, Johannes um das Jahr 100 herum oder etwas später. Wenn die vier Evangelisten derart dramatisch das Geschehnis der Kreuzigung beschreiben, kann es natürlich sein, dass dies alles eins zu eins so tatsächlich stattgefunden hat. Wir können es allerdings nicht mit Gewissheit sagen, denn wir waren ja nicht dabei. Wir müssen uns auf schriftliche Quellen verlassen, die ihrerseits bereits theologisch interpretieren.

Was man aber ziemlich sicher sagen kann, ist, dass durch diese Schilderungen etwas symbolisiert und plastisch ausgedrückt werden soll: Es geschah hier etwas Gewaltiges. Etwas, das gewissermaßen mit einer Sonnenfinsternis verglichen werden konnte. Etwas, das so gewaltig war, als ginge ein Erdbeben durch Palästina.

Und in der Tat ging es dies. Es war die Geburtsstunde der größten Weltreligion, die es bis heute noch gibt, die Geburtsstunde des Christentums mit 2,1 Milliarden Gläubigen. Insofern war der Tod Jesu Christi tatsächlich ein Erdbeben, welches bis heute nachwirkt. Und bereits bei den Schilderungen der Kreuzigung wird deutlich, dass diese Religion natürlich nicht zum Kern den Tod haben kann, sondern das, was dann am Ostersonntag geschieht, die Überwindung des Todes.

Dies wird bereits angedeutet mit der Schilderung, dass die Toten aus ihren Gräbern kamen. Der Tod ist nicht mehr das Vorherrschende, sondern die Hoffnung auf Leben setzt sich durch.

Und noch etwas ist wichtig. Wenn der Vorhang im Tempel zerreißt, kann man dies symbolisch so verstehen, dass nun nicht mehr der Hohenpriester alleine einmal im Jahr Zugang zum Allerheiligsten, also Zugang zu Gott höchstpersönlich hat, sondern dass der Vorhang, der den Tempelraum von dem Allerheiligsten abtrennte, nun für jedermann zugänglich war. Gott hatte sich in Jesus Christus gezeigt und war seit diesem Zeitpunkt für jeden Menschen direkt und jederzeit zugänglich, man brauchte keinen Hohenpriester mehr, der einem den Weg ebnete. Es reichte und reicht auch heute noch ein einfaches Gebet.

Erstaunlich und symbolträchtig, wem dies als erstes begreiflich wurde, einem römischen Hauptmann unter dem Kreuz nämlich. Einem heidnischen Atheisten gewissermaßen. Einem Repräsentanten der imperialen Supermacht Roms. Ihm wurde deutlich, dass hier etwas Gewaltiges entstand, etwas, welches auch das römische Reich bei weitem überdauern würde: Das Reich Gottes, das in diese Welt mit Jesus Christus bereits hereingebrochen war.