Darf man die Evolutionstheorie leugnen?

Die kurze Antwort lautet ja, als Privatperson ist das natürlich unbedenklich. Die ausführliche Antwort dauert für Sie ein paar Minuten und lautet: es ist kompliziert.

Zunächst einmal, natürlich darf man in Deutschland als Privatperson glauben, was man möchte, dies ist durch die Religionsfreiheit gedeckt. Dennoch ist es nicht sonderlich sinnvoll, naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu leugnen. Man kann natürlich auch an das fliegende Spaghettimonster glauben, sollte allerdings wissen, dass es eine satirische Erfindung und Religionskritik repräsentiert.

Besser wäre zudem die Formulierung, dass man nicht an die Evolutionstheorie glaubt, sondern ihr glaubt, also ihren Erkenntnissen.

Hier beginnt aber für viele Menschen ein Problem, möglicherweise auch für den ein oder andere Naturwissenschaftler. Die Evolutionstheorie, darüber ist sich nicht jeder im Klaren, ist die Welterklärungsmethode, die den Naturwissenschaften zur Verfügung steht. Philosophische Gedanken kann sich die Naturwissenschaft nicht machen, religiöse auch nicht. Denn sonst wäre sie nicht mehr die Naturwissenschaft, sondern Philosophie oder Religion. Einzelne Naturwissenschaftler dürfen natürlich darüber nachdenken, aber in ihrem professionellen, naturwissenschaftlichen Umfeld können sie nur Aussagen treffen, die mit naturwissenschaftlichen Messmethoden verifiziert oder falsifiziert werden können.

Wenn man sich einmal anschaut, was die Evolutionstheorie zu erklären versucht, gerät man natürlich schnell ins Staunen. Innerhalb von etwa 3,4 Milliarden Jahren, seit denen es nämlich einfaches Leben auf der Erde gibt, sollen sich einfach durch try and error Lebewesen entwickelt haben, die letztlich so hochkomplex sind wie beispielsweise der Mensch, welcher aus etwa 100 Billionen Körperzellen besteht und etwa 100 Milliarden Gehirnzellen besitzt, wobei jede dieser Gehirnzellen dann zwischen 1000 und 10000 Synapsen besitzt, also Verbindungen zu anderen Gehirnzellen. Hier kann man zurecht ins Staunen geraten, dies soll alles durch try and error entstanden sein und sich selbst verifiziert haben, damit es dann auch in irgendeiner Weise zumindest funktioniert?

Und das ist der Punkt: das Staunen. Denn​ staunen darf man über das Ganze ohne weiteres, ohne gleich in eine fundamentalistische Ecke gestellt zu werden. Die Evolutionstheorie kann nur mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchen, was eventuell wie passiert sein könnte. Naturwissenschaft untersucht das Wie, Philosophie und Religion überlegt die Frage nach dem Warum.

In den USA gibt es religiöse Strömungen, die sich ein naturwissenschaftliches Gewand anziehen und versuchen, Gott nachzuweisen. Die einen sind die sogenannten Kreationisten, die in ihrer extremen Form sogar davon ausgehen, die Bibel sei wortwörtlich von Gott diktiert worden, was natürlich völliger Quatsch ist. Denn die Bibel entstand über Jahrhunderte und dort wurde in Menschenwort Gottes Wort niedergeschrieben bzw Reflexion über das, was Gott ausmacht und wie er wohl ist.

Die andere Strömung nennt sich Intelligent Design und versucht, wissenschaftlich bzw pseudowissenschaftlich nachzuweisen, dass Gott existiert. Als Nachweis dient die Komplexität der Natur. Im Grunde ist diese Denkrichtung dem teleologischen Gottesbeweis verwandt, innerhalb dessen auch versucht wird, Gott aufgrund der Zielsetzung, die sich in der Natur scheinbar wiederfindet, beweisen zu können.

Allerdings muss man sagen, dass Gottesbeweise immer gescheitert sind, und zwar nicht deswegen, weil sie prinzipiell irgendwie verkehrt wären, sondern deswegen, weil Gott für uns im Grunde trotz all unserer Denkversuche nicht greifbar ist und nicht greifbar werden kann dergestalt, dass wir ihn definitiv beweisen können. Wenn Gott will, dass die Menschen über ihn etwas wissen, so muss er sich ihnen selbst zeigen, das ist beispielsweise die grundlegende Ansicht im Christentum, die dann in Jesus gipfelt, in welchem sich nach christlicher Vorstellung Gott den Menschen offenbart.

Fassen wir also zusammen. Gott beweisen kann man nicht, ihn wissenschaftlich nachweisen kann man schon gar nicht, dennoch gibt es viele Hinweise darauf, dass er wirklich existiert. Man kann nämlich durchaus über die Ordnung im Kosmos und in der Natur ins Staunen geraten und den Mund nicht mehr zu bekommen, weil man eben bei tieferem Nachdenken sich überhaupt nicht vorstellen und nicht nachvollziehen kann, wie denn aus try and error von 2 Zellen beispielsweise hoch komplexe Gebilde wie der Mensch mit seinen etwa 100 Billionen Körperzellen innerhalb von nur 3,4 Milliarden Jahren entstehen kann. Staunen ist nach wie vor erlaubt. Beweisen geht nicht. Glauben geht aber trotzdem und ist völlig legitim.

Falls Sie sich weiter mit dem Staunen befassen wollen, sei Ihnen hier ein interessantes Buch verlinkt. Ich selber habe es gelesen und meiner Meinung nach ist es nicht, zumindest nicht so, dass ich es hätte erkennen können, vom Intelligent Design her unterwandert. Dennnoch endet es christlich bzw mit einem christlichen Nachsatz, so dass es sich natürlich nicht um ein rein naturwissenschaftliches Buch handelt. Der Anhang verweist eben auf ein Glaubenssystem.

Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland sieht es im Grunde auch so, dass hinter allem, hinter der Schöpfung, Gott steht. Aber wie er diese Schöpfung im Einzelnen umsetzt, ob dann eben durch Evolution, ist natürlich durchaus und völlig seine Sache. Die Kirche hat glücklicherweise gelernt, nicht in die Falle zu tappen, in ungeklärten naturwissenschaftlichen Phänomenen Gott nachweisen zu wollen oder zu können.
Falls Sie das folgende Buch einmal gelesen haben und zufällig Biologe sind, würde ich mich über eine Rückmeldung von Ihnen freuen. Wurde dort seriös recherchiert? Sind die dort aufgeführten biologische Phänomene korrekt?
https://theolounge.blog/2016/08/03/good-bye-darwin-buchbesprechung/

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. F. M. sagt:

    Selbverständlich darf man die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie leugnen!

    Es besteht Meinungsfreiheit in Deutschland und ich darf jederzeit der Meinung sein, dass dieses Paradigma der reinste Unsinn ist. Genau so wie man Gott leugnen darf.

    Man sollte nur nicht gleichzeitig verlangen in ein katholisches Priesterseminar aufgenommen zu werden, weil eben dieses die Freiheit hat, zur Aufnahme die Bejahung der Gottesfrage zur Bedingung zu machen. Ebenso sollte man nicht erwarten in eine Forschungsabteilung zum Beispiel der Hoffmann-La Roche AG aufgenommen zu werden, in der neue Krebstherapien über das Immunsystem erarbeitet werden. Es ist also im Sinne katholischer Theologie, Spiritualität und ganz allgemein katholischer Lehre nicht sinnvoll Gott zu leugnen, wie es nicht sinnvoll ist den Satz von Theodosius Dobzhansky zu leugnen, dass in der Biologie nichts Sinn mache, ausser im Licht der Evolutionstheorie. Und Dobzhansky musste es wissen; er hat zusammen mit Ernst Mayr im zwanzigsten Jahrhundert die synthetische Evolutionstheorie begründet, die Weiterführung der Darwinschen Grundlagen in die moderene Genetik und Molekularbiologie.
    Pikantes am Rande: Theodosius Dobzhansky war überzeugter, glühender, russisch-orthodoxer Christ. Ernst Mayr war völlig rationaler, geradliniger Atheist.

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