Ist Folter ein ethisch legitimes Mittel?

Nein, werden Sie hoffentlich und vermutlich zuerst sagen. Einerseits völlig zurecht. Andererseits stimmt dies leider nur zur Hälfte. Denn die Antwort kann genauso gut ja heißen, je nachdem, welche Ethik man zugrunde legt. Ich selber würde natürlich auch aus tiefstem Herzen nein sagen, dennoch seien hier verschiedene ethische Konzepte angeführt. Dennoch hat Amnesty International gerade in einem aktuellen Bericht darauf hingewiesen, dass weltweit die Menschenrechte zunehmend in Bedrängnis geraten.

Die Frage aus der Überschrift ist deswegen aktuell, weil Folter sicherlich in vielen Teilen der Erde immer noch stattfindet und auch jüngst der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, mit der Anwendung der Folter liebäugelte, wenngleich er etwas später sich dann, wie es wirkte, ein wenig wiederwillig sogleich davon distanzierte, als man ihm sagte, das Ganze sei nicht gesetzeskonform. Da allerdings unter George Bush in den USA Folter in Form beispielsweise von Waterboarding stattfand, bzw outgesourct zwar nicht auf dem Boden der USA, aber beispielsweise im Geheimgefängnissen der CIA in Europa und in Guantanamo vollzogen wurde, steht zu befürchten, dass ein offizieller Rückzug Donald Trumps von der Folter möglicherweise nicht tatsächlich einen solchen bedeuten könnte.

Klären wir da jedoch erst einmal die Frage, ob Folter überhaupt etwas bringt. Gehen wir dazu gedanklich ein paar Jahrhunderte zurück in das Zeitalter, als ein unfreundlicher und missgünstiger Nachbar beispielsweise eine alleinstehende Frau im Nachbarhaus einfach als Hexe diffamieren konnte und sie dann vor der Inquisition landete. Hier eine Beispielgeschichte, die sich so in etwa zugetragen haben könnte.

Inquisitor: Sind Sie eine Hexe?

Frau: Nein, natürlich nicht! Lassen Sie mich bitte frei! Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause!

Inquisitor: Wenn Sie weiterhin lügen, müssen wir Ihnen leider die Hände abschneiden.

Frau: Erbarmen, Hilfe, ich lüge nicht! Ich flehe Sie an!

Naja, den Rest kann man sich sparen. Der Frau werden dann beispielsweise die Hände abgeschnitten, aber sie hat noch Hoffnung, irgendwie zu überleben. Allerdings kommen dann noch ihre Kinder ins Spiel, denen plötzlich Schlimmes widerfahren könnte, wie der Inquisitor ihr zu verstehen gibt, und um dies zu vermeiden, gibt die Frau plötzlich zu, sie sei tatsächlich eine Hexe. Die Inquisitoren fühlen sich bestätigt und fragen nach, welche anderen Hexen es in ihrem Umfeld noch gebe. Natürlich gibt es keine, aber weil die Frau immer noch um ihre Kinder fürchtet, die Hoffnung auf eigene Unversehrtheit hat sie bereits fast aufgegeben, erfindet sie irgendwelche Nachbarn, die angeblich auch Hexer oder Hexen sind. Und so weiter. Am Schluss haben die Inquisitoren schöne Geständnisse und ihre Vermutung hat sich bestätigt, es handele sich also tatsächlich um eine Hexe. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, ist für sie völlig zweitrangig und wird von ihnen auch nicht realisiert.

Will heißen, Folter bringt absolut nichts. Man bekommt damit keine Wahrheiten ans Licht, sondern ist die Folter nur schlimm genug, sagt der Gefolterte alles. Er erfindet irgendwelche Geschichten und Begebenheiten, nur um die Qualen zu beenden oder auch um Familienmitglieder zu schützen.

Jetzt aber die Frage, ist Folter ethisch legitim?

Das hängt, wie schon oben erwähnt, vom jeweiligen ethischen Konzept ab. Was ist aber Ethik? 

Ethik ist mehr als Moral, Ethik ist die Theorie der Lebensführung. Ethik ist also die Theorie darüber, wie man zu einer Lösung kommt, was man als gut und was man als schlecht ansehen kann und soll.

Friedrich Nietzsche beispielsweise wird oft zitiert mit dem Satz, Gott sei tot, wir Menschen hätten ihn getötet. Wenn aber Gott tot ist, so gibt es kein „Absolutes“ mehr, nichts, an dem man sich ausrichten könnte und welches bestimmen könnte, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist. Die Folge ist der Nihilismus, dass eigentlich nichts wichtig ist und es keine Werte gibt. Um diesem von Nietzsche dargestellten Konzept entgegenzutreten, dachte Nietzsche existenzialistisch, das heißt, der Mensch müsse sich selber eigene, neue Werte schaffen. Um dies zu ermöglichen, müsse er den Willen zur Macht haben. Einige bestimmte Menschen, die diesen Willen in ausgeprägter Form hätten, könnten sich zu sogenannten Übermenschen entwickeln, welche dann auch definierten, was richtig und was falsch sei. Das Konzept Nietzsches wurde womöglich von den Nationalsozialisten aufgegriffen in ihrer Vorstellung vom sogenannten Herrenmenschen. Bei Nietzsche findet man die abstruse Vorstellung, dass beispielsweise Raub, Mord und Vergewaltigung per se nichts Schlimmes sei, sondern dass es Derartiges schon immer gegeben habe und es ein Kennzeichen der Starken sei, dass sie derartige Dinge täten. Fazit ist also, nach der Ethik Nietzsches bestimmen die starken Übermenschen, was richtig und was falsch ist und im Grunde ist das richtig, was sie tun wollen und tun. Wenn sie jemanden foltern wollen, ist dies aufgrund der ethischen Definition somit in Ordnung, denn wer die Macht und die Kraft und die Stärke hat, der hat das Recht und die Definitionshoheit.

Utilitarismus. Der Utilitarismus wird als Ethik der Nützlichkeit bezeichnet. Grundlage dafür ist, dass gewissermaßen im Diskurs entschieden wird, was gut und was schlecht ist. Dabei gilt als Prämisse das greatest happiness principle, das davon ausgeht, es sei gut, für eine möglichst große Anzahl an Menschen möglichst viel Glück hervorzubringen. Handlungen, die nach diesem Prinzip entstehen und bewertet werden, sind demnach gut, wenn möglichst viele Menschen glücklich werden beziehungsweise, in abgewandelter Form, das theoretisch gedachte Gesamtglück einer Population von Menschen erhöht wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass jeder Mensch gleich viel zählt in seinem Glücksempfinden. Angenommen beispielsweise, 240 Millionen Amerikaner wären der Meinung, es wäre in Ordnung, wenn ein paar tausend Verdächtige gefoltert würden, weil sich die große Mehrheit dadurch ein wenig glücklicher, da sicherer, fühlen würde, hätten die paar tausend Menschen zwar jeder für sich ein sehr großes Unglücksempfinden, im Verhältnis zur großen Masse wäre dies aber verschwindend gering. Das theoretisch gedachte Gesamtglück insgesamt wäre nämlich trotzdem gestiegen. Utilitaristisch gedacht könnte Folter also ethisch  richtig und gut sein. Kennzeichen des Utilitarismus nämlich ist auch, dass der Einzelne im Verhältnis zu einer großen Masse an Menschen immer extrem schlechte Karten hat. Andererseits ist der Utilitarismus eine ethische Konzeption, mit der man immerhin in Dilemmasituationen eine Entscheidung überhaupt fällen kann. Angenommen, es befänden sich zehn Leute auf einem Schiff, die Vorräte reichten aber nur für acht Leute. In dem Fall würde, utilitaristisch gedacht, die Mehrheit entscheiden zulasten der Minderheit.

Christliche Ethik. Sie haben es sicher schon vermutet, wir kommen nun zum Christentum. Im Alten Testament wird der Mensch als Ebenbild Gottes tituliert, was ihm von Haus aus eine gewisse Würde zuschreibt. Dennoch gibt es auch Gewaltstellen im Alten Testament, weil dort Theologie und damals gängiges Recht miteinander verknüpft wurden. Zwei homosexuellen Männern beispielsweise, die miteinander erwischt worden wären bei sexuellen Handlungen, drohte die Todesstrafe, wenngleich sie nun eigentlich ja genauso Ebenbilder Gottes waren. Insofern ist das Menschenbild im Alten Testament an verschiedenen Stellen ambivalent. Christlich gesehen werden jedoch die problematischen Stellen von der sogenannten Mitte der Schrift ausgelegt, also von Christus her. Jesus, der rein pazifistisch handelte und predigte, lässt derart problematische Gesetzesstellen von vornherein aus dem Bewertungsraster fallen. An vielen Stellen macht Jesus in Gleichnissen deutlich, welchen Stellenwert der Mensch vor Gott hat. Eine der bekanntesten Gleichniserzählungen ist diejenige vom verlorenen Sohn. Obwohl der jüngere Sohn sich das ihm vom Vater prinzipiell zustehende Erbe vorzeitig auszahlen lässt, alles verprasst und in tiefste Armut fällt, wird er dennoch vom Vater, also von Gott, in Gnade und Güte wieder angenommen. Ebenso auch das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Der gute Hirte, Gott, lässt die 99 Schafe zurück, um das eine verlorene zu suchen. Diese rote Linie, die sich durch Jesu Botschaft zieht, lässt keinen Zweifel daran, wie wertvoll der Mensch in den Augen Gottes ist. 

An anderer Stelle macht Jesus deutlich, dass dasjenige, was wir unseren Mitmenschen antun, Gott höchstpersönlich angetan haben. Insofern besteht in der christlichen Ethik kein Zweifel, Folter ist absolut nicht erlaubt. Sie würde das Ebenbild Gottes verletzen, den Menschen, und zudem Gott höchstpersönlich.

Das christliche Menschenbild ist auch in die europäische und deutsche Gesetzgebung eingeflossen und kann ebenfalls in den allgemeinen Menschenrechten wieder verortet werden. Insofern ist es nicht egal, welchem Menschenbild man sich anschließt. Während man Probleme im Utilitarismus in einem Diskurs zu lösen versucht, während sie bei Nietzsche einfach durch Gewalt und Stärke gelöst werden sollen, macht die Annahme der Existenz Gottes einen großen Unterschied darin, wie Dinge bewertet werden. Denn wenn es Gott gibt, was auch Atheisten zumindest mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% anerkennen könnten, ist nicht alles relativ, sondern es gibt definitiv Dinge, die als gut bezeichnet werden können und müssen, und andere, die es eben nicht sind. Es gibt hier keinen großen Definitionsspielraum. Wenn Gott dem Menschen Menschenwürde zuteilt, dann besitzt der Mensch sie und sie ist nicht verhandelbar.

54 Kommentare Gib deinen ab

  1. theolounge sagt:

    Danke, dir auch. Mir ist deine Intention auch nicht klar. Ich glaube, es geht Dir ja nicht darum, zu ergründen, wie die christliche Sicht ist. Auf mich wirkt es eher so, als ob du sie rational widerlegen möchtest. Falls das stimmt, sei gesagt, dass Glaube natürlich nichts Rationales ist.

  2. Muriel sagt:

    Mir geht es darum, zu verstehen, wie du das siehst. Aber ich glaube, da ist jetzt eine Grenze erreicht. Noch mal danke, trotzdem.

  3. policycounts sagt:

    Sehr interessanter Artikel, danke für den guten Hinweis auf die verschiedenen Arten der Ethik. Hast du dich auch mit der Deontologie sowie der stoischen Ethik oder der Tugend-Ethik von Aristoteles beschäftigt? Besonders interessant finde ich die Theorien von Rawls und anderen Kontraktualisten. (Schau doch mal bei mir unter der Rubrik Philosophie vorbei) Wenn Gott also etwas ist dessen Anwesenheit wir uns nicht sicher sein können, gibt es dann nicht die Möglichkeit die Menschenrechte als gesellschaftlichen Konsens zu legitimieren? Meiner Meinung nach ist dies bei der Charta der Menschenrechte der UNO der Fall. Uns fehlt es nur an der Umsetzung, die sich doch als so viel schwieriger erweist als die theoretische Festlegung auf Menschenrechte, die Folter ausschließen.
    Genau das prangert Amnesty international an und zwar vollkommen zurecht, wor wir glaube ich wieder einer Meinung sind.


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

  4. theolounge sagt:

    Danke, ich schaue mal bei deinem Blog rein…

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