Ist es in Ordnung, dass zunehmend mehr freilaufende Wölfe in Deutschland leben? 

Naturschützer freuen sich und jubilieren, dennoch sind Wölfe nach wie vor auch eine Gefahr für Menschen, insbesondere für schwache und kleine Menschen, für Kinder beispielsweise. Es gibt verschiedene Berichte von Wölfen, die mit Menschen gerade mal glimpflich ausgegangen sind, so aber nicht hätten ausgehen müssen. Nach einem Bericht der Welt von 2015 zählte man zu diesem Zeitpunkt etwa 300 Wölfe in Deutschland, Tendenz steigend.

Das Problem erinnert an eine Begebenheit im Sommer 2006, als der sogenannte Problembär Bruno einerseits durch das mediale Sommerloch stolperte, andererseits durch die bayerischen Alpen und dort immer wieder Vieh riß. 

Schon damals gab es heftige Diskussionen in Online-Foren, wie beispielsweise auch in der Kommentarabteilung der Wochenzeitung ZEIT. Die Naturschützer waren der Meinung, der Bär gehöre nun einmal zu einem ökologischen Gleichgewicht und es sei deshalb prinzipiell sehr zu begrüßen, wenn wieder mehr Bären, die aus Österreich herüber wanderten, auch im bayerischen Alpenraum heimisch würden. Der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sprach beim Braunbären Bruno von einem Problembären, den es nicht zu tolerieren gelte, weil er in Bezug auf seine räuberischen Handlungen schwer einzuschätzen sei und bereits großen Schaden angerichtet habe. Schließlich wurde der Bär von einem anonymen und eigens dafür engagierten Schützen zur Strecke gebracht, anschließend in einem Museum präpariert und mausetot ausgestellt und der Schütze musste einige Zeit lang anonym bleiben, weil gegen ihn Todesdrohungen ausgesprochen worden waren. Vermutlich von Tierschützern.

Es steht aber sowohl bei Bären wie auch bei Wölfen die Gefahr im Raum, dass irgendwann auch Menschen, vielleicht eben sogar Kinder, die natürlich auch Menschen sind, zu Schaden kommen oder vielleicht sogar getötet werden könnten, im schlimmsten Fall sogar ausgeweidet und zerfleischt. Darf man dieses Risiko eingehen?

An diese Frage gibt es verschiedene Herangehensweisen. Einerseits könnte man von einer Risikoabwägung ausgehen, welcher zufolge es derzeit vermutlich relativ unwahrscheinlich sei, auf einen Wolf überhaupt zustoßen. Allerdings  wäre auf gewisse Gemeinden bezogen  diese Wahrscheinlichkeit doch signifikant höher. Für den Einzelfall ist zudem die Gesamtwahrscheinlichkeit relativ unerheblich, wenn man nämlich selber trotz geringer Wahrscheinlichkeit durch einen Wolf zu Schaden kommt oder Angehörige oder Freunde.

Man könnte auch argumentieren, eine gewisse Population an Wölfen sei in Deutschland wohl für das ökologische Gleichgewicht hilfreich. Möglicherweise ist das so. Allerdings ergäbe sich dann automatisch die Frage, wie es denn sein könne, dass Deutschland all die Jahrzehnte ohne Wölfe gut ausgekommen ist, offenbar auch in ökologischer Hinsicht. Es müsste auch keineswegs so sein, dass Wölfe einfach zum Abschuss freigegeben werden sollten, sondern man könnte sie in eigens dafür eingerichteten, möglicherweise extrem großen Gehegen unterbringen, nachdem man sie beispielsweise mit einem Betäubungsgewehr eingefangen hätte. In diesen Reservaten bestünde dann zumindest das angeblich gewünschte ökologische Gleichgewicht.

Man könnte auch quantitativ argumentieren. Bei Verkehrstoten geht es ja in eine ähnliche Richtung. Dort versucht man, die Quote an jährlichen Toten möglichst zu senken, nimmt aber in Kauf, dass es allein dadurch, dass Menschen am Straßenverkehr teilnehmen, zwangsläufig zu einem gewissen Prozentsatz an Verkehrstoten immer wieder kommen wird und auch kommt. In dieser Argumentationslinie würde man sagen, 5% Verkehrstote beispielsweise wären besser als 6%. Für den Einzelfall wäre diese Statistik jedoch auch obsolet, weil derjenige, der betroffen ist, sich mit einer Statistik nicht trösten kann, wenn er dummerweise zu den 5% gehören würde.

Man könnte auch qualitativ argumentieren. Demzufolge wäre ein Menschenleben unendlich viel wertvoller, als das eines Raubtieres. Allein ein einziges Menschenleben würde es verdienen, geschützt zu werden, sofern dies in der Realität irgendwie umsetzbar wäre. Man würde ich ja darauf verweisen, dass es eben einen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier gebe. Einerseits hätte man womöglich im Hintergrund den australischen Philosophen Peter Singer, der für Menschenaffen beispielsweise eine Art Menschenrechte fordert, weil sie eine gewisse Höhe des Bewusstseins entwickelt hätten. Trotzdem könnte man bei Wölfen davon ausgehen, dass dies bei ihnen in weitaus geringerem Maße zutreffen dürfte.

Anhand folgender Beispielgeschichte können Sie sich einmal für sich persönlich überlegen, welcher Ansicht Sie sich am ehesten anschließen könnten.

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer Region, in der öfters Wölfe auftreten. Sie sind verheiratet und haben zwei kleine Kinder, etwa um die zehn Jahre. Ihre Kinder spielen gerne draußen, gehen auch mal über die Felder und manchmal auch in die Nähe des Waldes und etwas dort hinein sogar, weil ein Wald viele Spielmöglichkeiten bietet, beispielsweise, wenn man Verstecke errichten oder Baumhäuser bauen möchte. Einerseits sind Sie beunruhigt, weil ja in der Tat immer etwas passieren könnte, andererseits wollen Sie aber auch nicht übertreiben, weil das Risiko ja insgesamt gesehen doch ziemlich gering sei. Dennoch sitzen Sie eines Abends beim Abendessen, Ihre beiden Kinder erscheinen aber nicht. Sie ziehen los, es ist schon dunkel, mit Scheinwerfern suchen Sie die Wiesen ab, schließlich den Wald. Sie müssen die Polizei zu Hilfe bitten und nach einigen Stunden findet man die von einem Rudel Wölfe halbzerrissenen und ausgeweideten Kadaver Ihrer Kinder. Eine zutiefst dramatische Situation.

Die Frage lautet also, ist das Risiko für Sie persönlich zu tragen, dass Wölfe in Deutschland leben? Zur Disposition für Ihre Bewertung stehen also folgende Kriterien:

Wahrscheinlichkeitsabwägung, ökologisches Gleichgewicht, quantitative Bewertung der Situation oder eine qualitative. 

Hier noch einmal kurz aufgelistet:

Wäre der Vorfall für Sie persönlich zwar dramatisch, letztlich aber doch hinnehmbar, weil Sie wüssten, dass Ihren Kindern zwar etwas passiert ist, die Wahrscheinlichkeit aber insgesamt für diesen Unfall doch recht gering war? 

Oder würden Sie sagen, man muss derartige Unfälle in Kauf nehmen, weil man ja ein Teil der Natur sei und nicht oder zumindest nicht allzu massiv in das ökologische Gleichgewicht eingreifen wolle? 

Oder wären Sie der Meinung, quantitativ an die Sache heranzugehen, dass also zwei Kinder irgendwo tolerierbar wären, selbst wenn es sich um die eigenen handelte, fünf dann aber nicht mehr? 

Oder würden Sie es qualitativ sehen, dass bereits ein Mensch, der durch ein Raubtier zu Schaden kommt oder zu Tode, einer zuviel ist? Bei dieser Sicht könnte man einen biblischen Bezug herstellen, da der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen sei und über die Welt herrschen solle, also einen Herrscherauftrag über die Welt habe, allerdings einen, wie ein weiser und guter König. Jeder Mensch sei also etwas ganz Besonderes. Dennoch wäre es demzufolge nicht automatisch so, dass man mit Tieren irgendwie schlecht umgehen dürfte, weil man ja die Welt stellvertretend für Gott gewissermaßen gut und rechtschaffen und vernünftig regieren müsse. Allerdings findet sich in der Bibel dazu auch im Widerspruch die Vorstellung, als es bei der Zerstörung von Sodom und Gomorra geht, dass Gott erst ab einer gewissen Anzahl von Menschen, nämlich in diesem Fall von zehn Menschen, die Städte verschonen will. Der Hintergrund ist, dass die Bewohner von Sodom und Gomorra zutiefst verdorben waren und Abraham mit Gott im Zwiegespräch aushandelte, ob Gott denn die Städte trotzdem verschonen könne. Bei einer Anzahl von nur 10 guten Menschen in diesen Städten, so antwortete Gott, werde er sie verschonen. Darauf beziehen sich beispielsweise die Juden, wenn sie Gottesdienst abhalten, in dem dann mindestens 10 Männer anwesend sein müssen. In der Erzählung der Genesis finden sich allerdings leider keine zehn gerechten Menschen und so werden die beiden Städte dann eben doch zerstört. In der Bibel findet man also beide Vorstellungen, eine rein qualitative und eine teils quantitative.

Sie können nun in Ruhe überlegen, welcher Meinung Sie sich am liebsten anschließen würden.

Um Ihre Emotionen zunächst einmal etwas zu beschwichtigen: es ist ja nichts passiert. Es handelt sich nur um eine Beispielgeschichte. Und Sie werden zu Recht erbost sein, dass diese Geschichte natürlich eine starke Leserlenkung hat. Allerdings versteht man prinzipielle Fragen dann am besten, wenn sie einen persönlich betreffen oder zumindest betreffen könnten. Wenn man im persönlichen Bereich sagen könnte, eine Sache wäre für einen in Ordnung, könnte man daraus auch eine allgemeine Ordnung machen. Und das ist im Grunde das, was Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ fordert, dass nämlich die Maxime des eigenen Willens geeignet sein solle, daraus eine allgemeine Gesetzgebung zu machen. Was für Sie im Kleinen und Persönlichem also tolerierbar und in Ordnung wäre, dürfte dann auch für das große und Ganze gelten. 

Wie entscheiden Sie sich also? Sie können sich das gerne selber im Kopf überlegen oder auch die Kommentarfunktion unten nutzen. Denken Sie bitte daran, dass diese Situation hier fiktiv natürlich sehr zugespitzt ist, andererseits aber theoretisch auch genauso eintreten könnte, und dass Sie selbst entscheiden, welcher Position Sie sich anschließen möchten. Sie werden zu nichts gedrängt.

Überlegen Sie sich auch, wie Sie ihre Wahl begründen möchten.

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Titelfoto, Pardon, leider nur ein Schäferhund.

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