Wie bei so vielen Dingen im Leben ist es so, dass es immer auf den Blickwinkel ankommt. Versuchen wir in diesem Fall einmal, nach einem Zitat des evangelischen Theologen Wilhelm Gräb aus Berlin an die Frage aus der Überschrift heranzugehen. Das Zitat lautet, „Religion findet sich nicht nur in der Kirche, sondern überall, wo es um unsere Grundeinstellungen zum Leben, um unsere tiefsten Wünsche und Ängste geht, wo Werte verkündet, Verhaltensweisen nahegelegt, Stimmungen erzeugt, und Versprechungen gemacht werden. Religion ist da, wo wir unser Leben verstehen wollen und ihm Richtung und Sinn geben.“

Stimmen Sie dieser Definition zu? Falls nicht, haben Sie hier natürlich wenig Chance zum Widerspruch, außer vielleicht in den Kommentaren unten, denn die folgende Analyse bezieht sich eben auf gerade diese Definition. Sicherlich sind auch andere Definitionen denkbar, diese aber ist hier nicht ganz abwegig. Gehen wir in der Folge also mal die wesentlichen Punkte durch.

Werden im Atheismus Werte verkündet?

Ja, allerdings möglicherweise unterschiedliche. Ein Wert kann sein, man solle sein Leben fröhlich und glücklich leben und genießen, weil es kein Leben nach dem Tod gebe. Ein anderer könnte sein, weil es ja keinen Gott gebe, könne man im Grunde handeln, wie man wolle, also auch beispielsweise als Egomane. Eine weitere Möglichkeit wäre, es als Wert anzusehen, auf das Miteinander der Menschen untereinander und auf Mitmenschlichkeit Wert zu legen, weil sonst ja letztlich alles sinnlos wäre, wenn man sich nicht wenigstens selbst untereinander Sinn schaffen würde.

Legt der Atheismus Verhaltensweisen nahe?

Ja, siehe im Grunde oben. Mögliche Verhaltensweisen wären demnach, sich so zu verhalten, dass für einen selber alles immer passt, in diesem Fall egoistisch bzw egomanisch. Oder so, dass eine Gruppe von Menschen miteinander gut auskommt, also eher altruistisch. Oder so, dass man auf seinen Körper möglichst gut achten solle, weil man ja nur diesen einen habe und nur dieses eine Leben. Das Zelebrieren eines Körperkultes wäre eine extreme Form dieser Einstellung. Oder als Gegenteil davon könnte die Verhaltensweise nahegelegt werden, mache Party, solange es geht, denn du hast nur das eine Leben.

Erzeugt der Atheismus Stimmungen?

Auch hier kann man wieder differenzieren. Einerseits gibt es Atheisten, die sich einfach keine Gedanken machen, hier ist es eine Stimmung der Indifferenz. Nichts ist wirklich wichtig. Es entsteht vielleicht ein Gefühl des Relativismus, alles könne man so oder so sehen, aber alles sei letztlich doch irgendwo egal, denn alles werde ja im Diskurs definiert, wieder umdefiniert und dann vielleicht auch schon wieder verworfen. Eine Richtschnur oder eine als Wahrheit anerkannte allgemeine Sicht existiert nicht zwangsläufig, wenngleich sie sich im Diskurs aber auch ergeben kann, wobei sie dann nicht von Dauer ist. Oder es gibt die vehementen bis fundamentalistischen Atheisten, die massiv Stimmung gegen alles Göttliche und Religiöse machen.

Macht der Atheismus Versprechungen?

Ja, er verspricht, es gebe nach dem Leben nur den Tod und sonst nichts und zudem auch keinen Gott oder keine Götter. Er verspricht, die einzige und allumfassende und richtige Welterklärung gefunden zu haben und sie zu vertreten. Er sei die einzig gültige Welterklärung.

Ist er denn nun eine Religion, der Atheismus ?

Abschließend kann man also zu dem Fazit kommen, dass nach der oben genannten Eingangsdefinition der Atheismus im Grunde eine Religion ist. Um eine Religion zu sein, braucht es keinen Gott, es reicht schon, wenn man gewisse Verhaltensweisen und Werte zum Götzen erklärt. Wenn man es moderater ausdrücken will, kann man sagen, dass der Atheismus zumindest religiöse Züge aufweist.

14 Kommentare zu „Ist Atheismus eine Religion?

  1. Öh… Also. Ich stimme zwar der Definition tatsächlich nicht zu, aber sogar wenn… Ihr wisst schon, dass es Atheistinnen gut, die an ein Leben nach dem Tod glauben, zum Beispiel?
    Also, ich habe den Verdacht, dass ihr nicht an Atheismus allgemein denkt, sondern an eine bestimmte atheistische Weltsicht, oder vielleicht eine Gruppe davon. Kann das sein?

  2. Anstelle von „Atheismus“ würde ich „Materialismus“ setzen, denn der Buddhismus kommt auch ohne Gott aus.
    Der Materialismus ist auch eine Religion, denn er verspricht durch die Naturwissenschaft grundlegende Erkenntnis in das Gefüge des Kosmos und durch die technische Nutzanwendung eine Verbesserung des menschlichen Lebens. Er ist versteht sich also als völliger Heilsersersatz, bzw. sogar als das einzige Heil, gegenüber dem alle anderen Religionen nur Irrlehren sind.
    Der Materialismus ist das, was die Bibel als „Antichrist“ bezeichnet, der mit seinen Wundern (= Technik) alle verführt.

  3. Wenn man sich zu einem „Kirchenthema“ mal aktiv in die Foren vom hpd begibt, dann merkt man sehr schnell, dass Atheismus/Humanismus eine Religion ist. Eine Auseinandersetzung mit „Bibeltreuen“ trägt ähnliche Züge.

  4. Nun, Lösung und Streitpunkt gleichzeitig ist doch die o.g. Definition. Wenn ich eine solche Definition von Religion nehme, in der Gott und die Zeit nach dem Tod keine Rolle spielen, dann kann ich auch die von mir gewählte ganz normale Erziehung meiner Kinder als Religion ansehen (Werte, Verhaltensweisen, Stimmungen, Versprechungen). Von „zum Götzen machen“ steht da übrigens auch nichts in der Definition.
    Die Problematik ist, dass unter dem Begriff „Religion“ praktisch jeder auf der Welt etwas versteht, was mit der Einbildung eines höheren Wesens oder einer höheren Lenkung zusammen hängt. Damit wird der Begriff „Religion“ in der realen Welt faktisch anders definiert als hier. Die hier gewählte Begriffsdefinition existiert außerhalb solcher theoretischen Texte gar nicht und kann daher auch nicht helfen, echte Religionen zu verstehen, zu kritisieren, friedlicher zu machen oder vielleicht sogar den Menschen von ihnen zu heilen.

  5. Auch eine gute Frage. Ich denke, der Versuch, etwas so komplexes mit ein oder zwei Sätzen zu beschreiben, scheitert bei Religion genauso wie bei vielen anderen Themen. Entweder beschreibe ich nur eine bestimmte Form (Stuhl: vier Holzbeine, horizontale Holzfläche in etwa 50cm Höhe, an einer Seite eine senkrechte Holzfläche bis in 90cm Höhe) oder ich bin so wage, dass die Definition auch auf anderes gilt (Stuhl: Möglichkeit für eine Menschen, sich in Höhe seiner Kniegelenke hinzusetzen. Bedeutet: Auch eine Mauer, ein Stein, eine Bank ist ein Stuhl?).
    Was willst Du definieren: Die Religion, die den Menschen darin bestärkt, Böses zu tun? Die Religion, die ihm Halt in einer überfordernden Welt gibt? Die Religion, die aus einzelnen Wahnvorstellungen von Menschen einen Gott konstruiert und Milliarden Menschen findet, die das seltsamerweise glauben wollen?
    Warum will man etwas so Komplexes eigentlich definieren? Ist auch das der Versuch, mit der Komplexität der Welt klar zu kommen?

  6. Na ja, irgendwie müsste man den Religionsbegriff ja definieren können. Und zwar irgendwie so, dass er umfassend auf alle möglichen Teilbereiche zutrifft. Warum man das will? Ist natürlich die Frage, ob man das will. Aber wenn man es will, dann vermutlich deshalb, weil man mit Definitionen die Welt besser verstehen kann, denn alles, was man benennen kann, ist für einen greifbarer und verständlicher.

  7. Aber ich habe noch einen Ansatz für dich. Einen von der allgemeinen Sorte: „Religion ist eine mögliche Strategie, Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken und zu glauben haben und zu verhindern, dass sie eigenen Vorstellungen über wichtige Lebensinhalte entwickeln.“

  8. Ja, das ist sicher ein Aspekt. Aber eben nur einer von vielen. Menschen, die Religion kategorisch ablehnen, definieren sie gerne so. Also auch sie legen eine Definition zugrunde, mit der sie dann ihre Diskussion aufbauen. Dabei ist, das haben wir möglicherweise festgestellt bereits, ihre Definition ja auch nur ein Fragment.

  9. Ja, danke auf jeden Fall. Allerdings wäre ich ja auf der Suche nach einer noch umfassenderen Definition, in die möglicherweise auch die transzendente Dimension von Religion mit hinein genommen werden könnte. Aber das, was du gesagt hast, ist natürlich ein Teilaspekt. Ich verabschiede mich aber vorläufig mal aus der interessanten Diskussion, weil ich noch arbeiten muss. Vielleicht schaue ich später mal hier wieder vorbei.

  10. Genau da habe ich ja das Problem. Nicht nur bei Religion. Viel mehr noch bei anderen Dingen: „Etwas besser verstehen, wenn man es definiert.“ Das gilt bestimmt für viele Jahre, in denen der Mensch als Kind in der Ausbildung ist und auch danach noch für viele Dinge des tägliche Lebens. Darüberhinaus sollte Mensch allerdings lernen, auch komplexe Konstrukte zu „händeln“, die er eben nicht auf einfache Weise „begreifen“ kann. Das ist schwer. Viele Menschen suchen die „einfache Aussage“. Nicht umsonst sind bei uns Populisten im Moment genauso auf dem Vormarsch wie es Prediger waren und sind. Menschen, die einfache Wahrheiten verkünden und das Bedürfnis der Menschen befriedigen, eine komplexe Welt einfach zu verstehen.

  11. Religion/Weltanschauung gibt die Möglichkeit, mit bestem Gewissen schlimmste Grausamkeiten zu verüben. – Manche Leute werden aber dadurch motiviert, Gutes zu tun.

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