Vom Beleidigen und beleidigt sein

Menschen aller Couleur und Art schaffen es immer wieder, sich gegenseitig bewusst zu beleidigen oder auch beleidigt zu sein. Das sind natürlich keine optimalen Voraussetzungen, um gut miteinander auszukommen. 

Es gibt aber auch die Menschen, und diese sind vermutlich in der Überzahl, die keine bösen, sondern nach eigenem Dafürhalten die allerbesten Absichten haben angeblich, und die dennoch jemanden beleidigen oder, obwohl sie es eigentlich überhaupt nicht wollen, selbst beleidigt sind und sich verletzt fühlen.

Wer mich beleidigt, entscheide ich, soll Klaus Kinski einmal gesagt haben. Das ist ein Teil der Wahrheit. In der Realität ist es aber nicht ganz so einfach.

Zunächst einmal zu dem, der beleidigt. Diese Person ist oft innerhalb ihres Denkmuster völlig mit sich selbst in Übereinstimmung und kann nicht verstehen, warum jemand anders durch ihre Äußerungen verletzt worden sein sollte. Die Person fühlt sich im Recht.

Der Beleidigte dagegen fühlt sich ebenfalls im Recht, denn auch in seinem Denkschema kommen Dinge, die ihm verbal von der anderen Person entgegengebracht werden, nicht in der Art vor, dass man sie einfach tolerieren und übersehen könnte. Aus seiner Sicht ist hier Mutwillen im Spiel, man müsse doch wissen, dass er so und so denke, und weil man das wisse, sei es eben Absicht gewesen, ihn zu beleidigen.

Heraus kommt dann oft eine Pattsituation, aus der Menschen leichter oder schwerer wieder herauskommen, je nachdem, welche Lösungsstrategien ihnen zur Verfügung stehen.

Leichter ist es für sie, wenn sie die Fähigkeit zu Selbstreflektion entwickelt haben, also die Fähigkeit, darüber nachzudenken, was man denn selber hätte anders tun können, was man selber tatsächlich getan und gesagt hat und wie der andere das möglicherweise auch alternativ auffassen könnte, also in anderer Weise, als es nun in das eigene Denkschema hinein passt.

Hilfreich ist auch eine Prise Humor, die auf einen selbst gerichtet ist, also die Fähigkeit, über die eigenen Unzulänglichkeiten auch mal schmunzeln zu können, ohne sich selbst gleich irgendwie wertlos zu fühlen. Über sich selbst lachen zu können, weil man weiß, dass man etwas wert ist und trotz der eigenen Unzulänglichkeiten genügend positive Eigenschaften besitzt, sodass ein Lacher einem gewiss nicht schaden kann.

Mit diesen beiden Methoden kann man schon einigermaßen gut aus dieser Pattsituation herauskommen, in der beide ja der Überzeugung sind, sie hätten Recht. Einer der beiden hat es jedoch meistens schwerer, das ist nämlich derjenige, der sich beleidigt fühlt. Denn wenn er nicht so gestrickt ist, dass er dann auf den anderen zugehen kann, verharrt er gewissermaßen in seiner Beleidigung und ist nun darauf angewiesen, dass der andere wirklich auch auf ihn kommt. Das könnte aber ausbleiben, weil der andere ja nicht immer derjenige sein mag, der den ersten Schritt tut. Denn aus seiner Sicht hat er ja nichts Verkehrtes gesagt. 

Wer sich selbst beleidigt fühlt, nimmt dieses Gefühl sicher durchaus massiv wahr und bildet es sich nicht bloss ein, man fühlt sich verletzt. Dennoch ist dieses Sich-beleidigt-fühlen auch ein erpresserisches Machtinstrument, denn die anderen sollen sich nun mal gefälligst um einen kümmern, damit man wieder so funktioniert, dass die Atmosphäre in Ordnung ist. Und wenn nicht, dann sorgt man eben dafür, dass die Atmosphäre schlecht bleibt. Das haben die anderen dann davon.

In einer Streitsituationen kann es sinnvoll sein, erst einmal abzuwarten, bis die emotionalen Wogen sich etwas geglättet haben. Und auch danach ist womöglich nicht gleich die richtige Zeit, um über das Thema ausführlich zu reden. Diese ist vielleicht später einmal vorhanden, wenn die Stimmung gut ist und man entspannt und mit Distanz die Dinge etwas anders sehen kann. Um dorthin zu gelangen, zu diesem Später also, hilft eines nicht immer sonderlich gut: zu erwarten, dass der andere einen doch endlich einfach und gefälligst zu verstehen habe. Denn der andere sieht es ja genauso.

Etwas, das in dieser Situation relativ treffsicher funktionieren kann, ist, dem anderen mit der Nachsicht von Nächstenliebe zu begegnen: „Ich mag dich im Grunde, du bedeutest mir viel, auch, wenn momentan ein Streitthema zwischen uns steht. Dennoch will ich die Brücke zu dir wieder bauen.“ 

Mit dieser Methode sind Sie – sofern Sie in einer derartigen Situation sein sollten – nämlich selbst derjenige, der aktiv werden kann. Und müssen nicht warten, bis der andere irgendwann wieder aus seiner Reserve vielleicht und gnädigerweise herauskommt. Sie werden dadurch auch freier, weil Sie handeln können. Und nicht auf der Wartebank im Off sitzen.

Diese Methoden funktionieren bei Beziehungen, die prinzipiell auf ein „Wir“ ausgerichtet sind und bei dem die Partner im Grunde dieses „Wir“ auch wollen. Denn Beziehungen funktionieren nur, wenn beide Partner auf das „Beziehungskonto“ auch „einzahlen“, beide also daran interessiert sind, dass eine Beziehung gut ist und funktioniert.

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