In der letzten Printausgabe der ZEIT stand in der Rubrik „Zeit zum Entdecken“ ein etwas verstörender Artikel. Es ging um einen Anwalt, der eine etwa lebensgroße Puppe für um die 8000 € gekauft und auch geheiratet hatte. Also nicht standesamtlich oder kirchlich, sondern  privat in einer Fantasiewelt im Wohnzimmer geheiratet. Der Fachbegriff dafür, dass Menschen sich an Gegenstände innerlich binden und anfangen, sie zu lieben, ist Objektophilie. Im speziellen Bereich von Puppen spricht man von Agalmatophilie. Bereits in der griechischen Mythologie wird eine solche Liebe erwähnt: Pygmalion schafft ein Kunstwerk, welchem er dann emotional verfällt.

Es gibt einige Menschen, offensichtlich eher Männer, die sich lebensgroße Puppen kaufen, um mit ihnen zu leben und sie zu lieben. Zu einem gewissen Prozentsatz tun sie dies wohl auch, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Bei dem dort beschriebenen Anwalt stand dies allerdings, zumindest nach seinen eigenen Angaben, eher im Hintergrund. Intim wurde er mit der fast lebensgroßen Puppe angeblich nur etwa alle zwei Wochen. Ansonsten kümmerte er sich herzzerreißend um sie, schminkte sie täglich, zog sie an und aus, klebt ihr künstliche Wimpern auf und machte sie wieder ab und so weiter. Er entwickelte eine emotionale Bindung, die man als tief bezeichnen könnte, wenn man von einer wirklichen emotionalen Bindung zu einer Puppe überhaupt sprechen kann. Als sie ihm geliefert wurde, hatte sie noch einen kahlen Kopf, aber er war vorbereitet und zog ihr erstmal liebevoll eine Perücke an, nahm sie unter den Arm und führte sie durch seine Wohnung, damit sie sich dort künftig heimisch fühlte. Er sah diese Puppe also als echten Menschen an, obwohl er sich klar war, dass es keiner ist. Auch einen Rollstuhl für die Puppe organisierte er, welcher er übrigens auch einen eigenen Namen gab, Brigitte, damit er sie künftig nicht immer in der Wohnung umher tragen müsste. Mit Brigitte will er alt werden.

Ein klein wenig nachvollziehbarer für Außenstehende wird diese obstruse Geschichte möglicherweise, wenn man die Vorgeschichte kennt. Möglicherweise. 

Dieser Anwalt, der vor Gericht brilliante Vorträge hält, in seiner Privatheit aber alles andere als brilliant wirkt, war 17 Jahre lang mit einer Frau zusammen, die wohl nichts wirklich von ihm wollte und dann irgendwann auch fremdging, wieder zurück kam und sich dann doch schließlich ganz von ihm trennte. Als Folge holte sich besagter Anwalt dann eine von diesen Puppen, denn diese würde ihnen gewiss nicht enttäuschen können. Und das tat sie bis zum Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels offenbar auch nicht, denn wie hätte sie es auch tun sollen. 

An dieser Stelle sei aber auch an die Exfrau gedacht, die sich womöglich mit einem Mann eingelassen hatte, der scheinbar massive Schwierigkeiten zu echten emotionalen Bindungen hatte. Wer eine Puppe braucht, um emotional zu sein, tut dies womöglich, weil er es mit einem Menschen nicht hinbekommt. 17 Jahre lang nicht hinbekommt. Auch die Exfrau hat vermutlich eine ziemlich lange Leidensgeschichte hinter sich.

Der Anwalt wird in der ZEIT eher als schüchtern beschrieben und offenbar als sehr duldsam, weil er all die Jahre gewissermaßen mit seiner damaligen Frau schon einübte, was er nun mit seiner Puppe fortsetzte. Dass nämlich ihm keine allzu großen Reaktionen auf emotionaler Ebene entgegengebracht wurden. Nun begann er also mit einer Puppe, sich eine eigene emotionale Welt zu spinnen, in der eine Frau ihn auch nie wieder würde zurückweisen können.

Im Artikel wird dann von Studien berichtet, wonach es nicht erwiesen sei, dass Menschen, die sich solche lebensgroßen Puppen kaufen und sie gewissermaßen als Mitmenschen ansehen, nun wesentlich unglücklicher wären, als andere Menschen. Einen signifikanten Unterschied gebe es angeblich nicht. 

Besagter Anwalt betont auch immer wieder, dass es doch im Kleinkindalter völlig normal gewesen sei, dass kleine Kinder intime, wenn natürlich auch keine erotischen Beziehungen zu Stofftieren aufnehmen. Deswegen, so wird er öfters wiedergegeben, sei es ja im Grunde auch nicht schlimm, wenn er das als erwachsener Mensch nun für sich entdeckt habe. Das sei doch irgendwie relativ natürlich, wenn auch selten. Leid tue ihm nur, dass er mit seiner Puppe eigentlich nicht nach draußen gehen könne, weil die Menschen seine ungewöhnliche Art der Liebe wohl nicht verstehen würden. Nur einmal im Jahr setzt er seine Puppe ins Auto auf den Beifahrersitz und fährt mit ihr nach England, wo es ein großes, ominöses Treffen von Puppenliebhabern gibt, die alle demselben Fetisch anhängen und sich dort austauschen. Mit ihren Puppen.

Der Artikel war eigentlich so geschrieben, wie er in einer seriösen Zeitschrift sein sollte, nämlich relativ objektiv. Er beschreibt nur. Durch diese Beschreibung gibt er die Möglichkeit, selbst zu interpretieren. Und das sei dann hier im Folgenden auch passiert.

Auch, wenn ich selber wieder Psychotherapeut noch Psychologie bin, kenne ich mich zumindest ein bisschen in dieser Richtung aus und würde mal als wenn auch nicht sonderlich fundierte, aber doch immerhin vorhandene Meinung annehmen, dass eine derartige Bindung zu einer Puppe im Erwachsenenalter auf gewisse psychische Defizite Rückschlüsse erlaubt. 

Theologisch betrachtet wird in der Genesis beschrieben, dass der Mensch auf ein Du ausgerichtet ist. Die Priester, welche die Geschichte von Adam und Eva entwickelten und aufschrieben, sahen es bereits so, dass der Mensch nicht seiner menschlichen Bestimmung entsprechend alleine und als Einzelwesen existieren kann. Deshalb lassen sie Gott in ihrer Darstellung dem Menschen eine Gefährtin erschaffen, die Frau. Die beiden werden nach theologischer Darstellung ein Fleisch, das heißt, sie brauchen sich gegenseitig. Alleine können sie nicht so existieren, wie es ihrer Natur entspreche.

Wenn nun ein Mann im Erwachsenenalter so handelt, wie ganz oben beschrieben, dass er sich selbst also innerlich zweiteilt, indem der eine Teil seiner selbst der Mann ist, der andere Teil die Frau, repräsentiert durch eine Puppe, kann das irgendwie nicht gut gehen oder zumindest nicht wirklich gut sein. Es weist auf ein defizitäres Leben hin. 

Leben kann man damit sicherlich, denn dieser Anwalt lebt ja damit. Aber wie soll er sich selbst erkennen? 

Der Mensch ist darauf ausgerichtet, ein Gegenüber zu haben, weil er im Du das Ich findet. Nur, wenn man sich mit anderen Menschen austauschen kann, natürlich auch im emotionalen Nahbereich, kann man sich selbst finden. Man kann das wohl kaum, wenn man sich selbst eine Scheinwelt mit imaginären Freunden aufbaut. Dann dreht man sich ja immer um sich selbst. Schizophrene Menschen tun so etwas beispielsweise auch. Sie sind einer und doch viele.

Aber selbst, wenn man dieses abstruse Verhalten auch theologisch interpretieren kann, würde man aus heutiger Sicht dem besagten Anwalt, der seinen Fetisch vor den meisten seiner Bekannten geheim halten muss, lediglich seine Eltern und ein paar engste Freunde wissen davon, würde man also diesem Anwalt doch raten: 

Suchen Sie am besten und möglichst schnell doch mal einen Psychotherapeuten auf und sprechen mit ihm über die Dinge, die Sie verletzt hatten in ihrer 17 jährigen „Beziehung“ mit Ihre Ex-Frau. Und auch über die Dinge, mit denen sie vermutlich Ihre Ex-Frau verletzt haben. Und sie womöglich damals schon zu einer Art Puppe herunter degradiert haben. So dass sie dann irgendwann das Weite suchte. Dann würden Sie vermutlich neue Handlungskonzepte entwickeln können, die es Ihnen erlauben würden, auch mit realen Frauen wieder oder erstmals wirklich in Kontakt zu treten und mit ihnen auch emotional intim zu werden, ohne in der ständigen Angst vor Verletzung leben zu müssen. Und Ihre Puppe könnte dorthin, wo sie auch hingehört. Auf den Schrottplatz.

Nach Jesu Doppelgebot der Liebe soll man Gott lieben. Man soll sich also nicht selbst einen Götzen erschaffen, den man liebt und vergöttert, auch keine Puppe. Und man soll seinen Nächsten, also seinen Mitmenschen, lieben, wie sich selbst. Wenn der Mitmensch, der Nächste, aber eine Puppe ist, so bleibt nur noch man selbst, den man lieben kann. Man ist einsam in sich selbst. So ist das, zumindest theologisch gesehen, nicht gedacht für den Menschen. Und wohl auch nicht gut für ihn.

Nicht jeder Mensch ist vermutlich dazu geschaffen oder in der Lage, eine Paarbeziehung zu führen. Man kann auch als Single heutzutage ganz gut leben und trotzdem Beziehungen zu mehreren Menschen unterhalten. Aber einen Menschen durch eine Puppe zu ersetzen erscheint aus psychologischer Sicht wohl so, dass man hier von psychisch auffälligem Verhalten sprechen müsste.

Fotos zu dieser abstrusen Art, Objekte zu lieben, finden Sie von folgender Fotografin unter folgendem Link, wählen Sie links oben „men and dolls“.

http://www.benitamarcussen.dk/projects/

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