Keine Sorge, die Überschrift soll wirklich so aussehen, sie ist nur vorläufig abgehackt. Im Laufe des Artikels wird womöglich klar, wie sie weitergeht. 

Es geht um folgende Beispielgeschichte: Anna feiert genau einmal im Jahr ihren Geburtstag, weil dieser nun einmal die Eigenschaft hat, genau einmal im Jahr stattzufinden. Ihr Geburtstag ist ihr deswegen besonders wichtig und der Termin ist auch nicht gerade unvorhersehbar. Sie möchte dazu ihre Freundin Emma und ihren Mann Emil einladen und sagt ihnen eine Woche vorher Bescheid. Emma jedoch hat an dem Wochenende viel zu tun und sagt bereits im Vorfeld, dass sie nicht kommen könne, weil sie so im Stress sei. Nachvollziehbarer Weise ist es so, dass Emma natürlich völlig korrekt handelt. Emma ist ein freier Mensch, sie übertritt keine Grenzen eines anderen, wenn sie sagt, dass sie an dem Termin nicht kommen könne. 

Anna ist dadurch allerdings gekränkt, denn ihr Geburtstag ist nur einmal im Jahr und für Sie etwas Besonderes, zumal Emma sagt, man könne und solle den Geburtstag dann doch eben einfach ein anderes Mal feiern. Emma gibt also vor, wann Anna ihren Geburtstag zu feiern habe, was Anna irgendwie respektlos erscheint. Anna möchte ihren Geburtstag nicht ein anderes Mal feiern, sondern dann, wann er auch wirklich ist. Sie kennt Emma eigentlich recht gut und weiß, dass Emma natürlich nicht das ganze Wochenende durcharbeitet. Abends um 7 Uhr oder spätestens 8 Uhr ist Schluss mit ihren Vorbereitungen für die Arbeit. Natürlich, sie mag dann vielleicht etwas müde sein, vielleicht auch gestresst. Vielleicht würde Emma es auch nicht mehr schaffen, ein Geschenk zu besorgen, aber das wäre ja eigentlich nicht das Problem. Es geht nicht um ein Geschenk, sondern um ein Treffen und die Würdigung des Anlasses. Falls Emma Anna etwas schenken wollte, könnte sie das ja später auch noch nachholen. Wie auch immer, Emma, die von sich sagt, sie habe keine Zeit, wird sicherlich mit ihrem Mann Emil abends auf der Couch sitzen, einen Wein trinken, etwas fernsehen – und für ihn Zeit haben.

Deswegen ist Anna gekränkt, weil sie weiß, dass Emma im Grunde durchaus kommen könnte, auch wenn es nur für zwei Stunden wäre. Ihr kommt es so vor, als ob Emma jedoch nur eine Instanz kennt, die ihr wichtig ist, nämlich sich selbst. Wenn Emma etwas nicht in den Kram passt, dann macht sie es nicht.

Ein anderes Mal wird Emma ein Fest veranstalten, das ihr wichtig ist. Anna wird dann ihrerseits vielleicht verhindert sein, was ebenfalls ihr gutes Recht ist. Auch sie ist ein freier Mensch, der selbst entscheiden darf.

Das Problem bei der Sache ist, dass das Verhalten der beiden nicht gerade förderlich für die Beziehung ist. Aus einer guten Beziehung wird so wohl auf Dauer eine flüchtige und schließlich eine, die nur noch unter ferner Liefen läuft. 

Und ein weiteres Problem ist, dass Anna und Emma Kinder haben, die sich sehr mögen und eigentlich gerne miteinander spielen, was aber nur stattfinden konnte, wenn beide Mütter oder beide Familien sich trafen. Auch die Männer der beiden Frauen mögen sich gerne, aber weitere Begegnungen sind nun erschwert. Es sei denn, die beiden wollen sich abends zu zweit in der Kneipe treffen, was aber nicht mehr dasselbe ist, wie wenn man sich mit der ganzen Familie treffen würde. Wenn also Anna und Emma ihren Konflikt nicht positiv klären und beilegen können, sind somit nicht nur sie beide, sondern noch vier weitere Menschen davon betroffen, ohne dass sie in irgendeiner Weise etwas dafür könnten.

Man könnte hier vielleicht einen Tipp im Sinne des Doppelgebots der Liebe geben, in dem Jesus im Grunde alle anderen Gebote zusammengefasst hat. Jesus schiebt noch voraus, dass man Gott lieben solle von ganzem Herzen. Dann geht es aber schon um den Menschen und sein Gegenüber, den Mitmenschen. 

Es heißt dort: Liebe den Nächsten wie dich selbst. 

Dieser Spruch wird manchmal einseitig interpretiert. Funktionieren tut er zunächst nur, wenn man sich selber auch liebt. Aber bei der Selbstliebe darf es nicht bleiben. Denn wenn diese Prämisse mit ja beantwortet werden kann, dann kann man auch seinen nächsten Menschen, also den Mitmenschen lieben. Gemeint ist hier zwischen Freunden lieben im Sinne von wertschätzen und achten.

Das oben skizzierte Szenario könnte unter dem Doppelgebot der Liebe folglich etwas anders aussehen. Anna, die Emma als Mensch wirklich wertschätzt, könnte möglicherweise verstehen, dass Emma tatsächlich ziemlich ko ist an besagtem Wochenende und es für sie vielleicht unangenehm wäre, ohne Geschenk auftauchen zu müssen. Unabhängig davon, dass sie es ja auch nachreichen könnte, wenn ihr Wunsch wäre, etwas zu schenken. Es wäre zwar traurig für Anna, dass Emma nicht kommen möchte, aber andererseits würde sie auch wollen, dass es Emma gut geht und sie sich nicht überstresst. Und sich selbst wohlfühlt, falls Sie denn zum Geburtstag kommen würde.

Umgekehrt würde sich Emma wohl denken, dass es Anna ziemlich viel bedeutet, einmal im Jahr ihren Geburtstag zu feiern. Sie würde ebenfalls nicht wollen, dass Anna traurig wäre und sich nicht respektiert fühlt. Emma könnte in diesem Sinne für zwei Stunden oder drei bei Anna vorbeischauen und sie könnten gemeinsam feiern.

Die Beziehung wäre dadurch vermutlich inniger geworden, weil man sich gegenseitig mit viel Respekt, Verständnis und Wertschätzung begegnet wäre.

Die Frage ist, warum Menschen dann oft nicht so handeln. Sokrates, so überliefert es Platon, war noch der Meinung, sobald ein Mensch erkenne, warum eine Sache so sei, wie sie wirklich ist, sobald ein Mensch also die Wahrheit über eine Angelegenheit erkenne, würde er automatisch danach handeln. 

Bei Sören Kierkegaard ist es etwas komplizierter, denn er ist der Auffassung, dass der Mensch in der Regel durchaus ganz genau versteht, was gemeint ist, aber nicht verstehen will. Das nennt er Sünde, zumindest im theologischen Bereich. Im zwischenmenschlichen Bereich würde man diesen Begriff wohl nicht verwenden, aber die Auffassung Kirkegaards kann man hier trotzdem nachvollziehen: Anna versteht durchaus, dass es Emma zu viel ist an dem Wochenende. Sie will es aber nicht verstehen. Emma umgekehrt versteht auch durchaus, dass Anna sehr gekränkt sein würde, wenn sie nicht zu ihr käme. Sie versteht es, weil es ihr womöglich selber so gehen würde. Aber sie will es nicht verstehen.

Wenn Menschen sich also unverständig stellen, weil sie nicht kapieren wollen, heißt es nicht, dass sie nicht längst begriffen haben. Ein Ausweg aus diesem Szenario wäre wohl wirklich der Versuch, das Ganze im Sinne des Doppelgebots der Liebe zu sehen und zu praktizieren. Dadurch könnten alle gewinnen. Schätze den anderen Wert, so wie auch du wertgeschätzt werden willst. Negativ ausgedrückt könnte man sagen, jeder Mensch ist im Grunde frei, zu tun was er will und hat auch das Recht dazu, aber nicht alles, wozu man das Recht hat, ist auch gut.

Die Überschrift, die oben ja unvollständig wiedergegeben war, könnte nun also lauten: Jeder darf alles, solange er den anderen wertschätzt und ihm mit Verständnis und Respekt begegnet. Und das ist nicht immer leicht. Nächstenliebe ist nicht leicht. Aber sie führt zu verständnisvollen und tragfähigen Beziehungen.

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Titelbild: jeder hätte gerne, dass für ihn der rote Teppich ausgerollt wird. Aber nicht jeder rollt ihn gern für einen anderen aus.

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