Zunächst einmal die gute Antwort, ja, warum auch nicht. Dann aber die schlechte Antwort: wenn man dies tut, verbauen sich manche Leute den Zugang zu dem, was gemeint ist. Sie halten einige Geschichten aus dem Neuen Testament für (rational gedacht) unglaubwürdig und lehnen somit die ganze Sache an sich ab. Insofern ist es durchaus interessant, sich auch einen anderen Zugang zu überlegen.

Rudolf Bultmann verfolgte diesen Ansatz, den er Entmythologisierung nannte. Das Weltbild zur Zeit Jesu sei von gewissen Mythen geprägt gewesen, die man gewissermaßen abstreifen müsse, um an den Kern der Sache zu gelangen, welcher jedoch durchaus wesentlich und real sei.

Schauen wir uns mal folgende Begebenheit aus unserer heutigen Zeit an. Maria verlässt das Haus, hat einen Anorak mit Kapuze an und geht über die Straße. Ihr Mann sieht ihr von oben hinterher und ihn erfasst das Grauen. Denn von rechts kommt ein Bus und Maria sieht ihn nicht. Der Bus ist zu schnell, um zu stoppen und dem Mann bleibt der Schrei im Halse stecken, weil es zu schnell geht. Schrecksekunde. Wie durch ein Wunder dreht Maria, die durch ihre Kapuze eine eingeschränkte Sicht hat, trotzdem in allerletzter Sekunde ihren Kopf nach rechts, sieht den Bus gerade noch, bleibt stehen und der Bus fährt etwa 30 cm vor ihr mit geschätzt Tempo 50 vorbei. Ein kleiner Gedanke hat ihr das Leben gerettet. Manche Menschen würden dies für Zufall erachten, andere, die gläubig sind, sehen darin das behütende Wirken Gottes. So sieht es Maria, so sieht es ihr Mann. Sie berichten von dieser Geschichte ab und an den Leuten, die etwas damit anzufangen wissen. Nach etwa 40 Jahren erzählen ihre Kinder die Geschichte wiederum ihren eigenen Kindern weiter. Der Kern der Geschichte ist derselbe, die Erzählung drumherum hat sich etwas geändert.

Angenommen, die Kindeskinder hätten vor 2000 Jahren gelebt und ihnen wäre die Geschichte weitererzählt worden, welche zudem theologisch aufbereitet worden wäre. Eine derartige Geschichte hätte man damals mit gewissen mythologischen Begriffen angereichert, damit sie den Kindeskindern sowie auch erwachsenen Zuhörern verständlich wäre. Die Geschichte könnte dann in etwa so lauten:

Maria, die sehr gläubig war, stand eines Morgens auf und bereits in der Tür begegnete ihr ein Engel, der sie darauf hinwies, er werde sie begleiten. Sie verließ die Eingangstür und überquerte die Straße, wobei der Engel ihr den Kopf nach rechts drehte und sie gleichzeitig zurückhielt. So bewahrte er sie vor dem vorbeifahrenden Bus.

Der Kern, die theologische Aussage der Geschichte ist also dieselbe geblieben, allerdings wurde sie eingekleidet in einen für den damaligen Leser verständlichen Rahmen.

Man könnte nun bei manchen Geschichten über Jesus derlei andere Sichtweise anzuwenden versuchen, um so Geschichten in ihrer Substanz weiterhin auch heute verstehen zu können, andererseits aber nicht an mythologischen Vorstellungen von vor 2000 Jahren zu straucheln. Ein Beispiel wäre Matthäus 14, 22-33: Die Jünger Jesu sind in einem Boot auf den See Genezareth gefahren, es kommt ein starker Sturm auf und alle geraten in Panik. Mitten in der Nacht kommt Jesus zu ihnen, indem er auf dem See geht. Als die Jünger ihn sehen, erschrecken sie und halten ihn für ein Gespenst. Jesus jedoch beruhigte sie, fürchtet euch nicht! Petrus will austesten, ob Jesus es wirklich ist, der dort zu ihnen kommt und sie aus dieser kritischen Situation befreit. Er steigt aus dem Boot, geht auf dem Wasser auf Jesus zu, als er aber den starken Wind wahrnimmt, erschreckt er und beginnt im Wasser zu versinken. Er schreit zu Jesus um Hilfe, der ihm die Hand hinstreckt, ihn ergreift und ihm sagt, du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Einerseits könnte die Geschichte natürlich genauso stattgefunden haben. Daran muss nicht gerüttelt werden. Wenn sich in Jesus Gott zeigt, der das Universum erschaffen hat, so dürfte ihm so etwas ein Leichtes sein.

Andererseits ist diese Geschichte für viele Menschen heutzutage eine rationale Zumutung.

Leichter zu nehmen wäre sie, wenn man sie anders verstünde. Man muss sich dazu im Hintergrund klar machen, dass Matthäus, der diese Geschichte schreibt, auf gewisse Quellen zugreift, welche wohl schriftlich vorgelegen haben, und dass Matthäus etwa ein halbes Jahrhundert nach Jesu Tod über diese Geschehnisse schreibt, vermutlich also bereits theologisch interpretiert. Er kleidet also womöglich den historischen Kern und die theologische Aussage in eine Geschichte, um sie für die Menschen verständlich transportieren zu können. Demnach waren die Jünger in Bedrängnis, womöglich tatsächlich auf dem See Genezareth in einem Sturm. Sie kannten Jesus gut, hatten unzählige Male miterlebt, wie er von dem kommenden Reich Gottes sprach und dies untermauerte, indem er unzählige Menschen heilte. Somit merkten sie und wussten, dass Jesus etwas Besonderes war und dass sich in ihm eine ganz besondere Gottesnähe zeigte. Als sie so verloren und in Todesfurcht im dem Sturm auf dem See in ihrer Nussschale sitzen und befürchten, unterzugehen und zu sterben, wird ihnen auf einmal klar, dass Gott ganz nah bei ihnen ist, dass er in Jesus ganz nah bei ihnen ist, so als würde er direkt zu ihnen übers Wasser laufen. Sie verstehen, dass im Grunde nichts Schlimmes passieren kann, weil sie, egal was passiert, letztlich immer nur in die Hände Gottes fallen können. Und sie wissen, dass Gott helfen kann, dass er in ihrem Fall in der Person Jesus helfen und nah sein kann. So, als würde er zu ihnen übers Wasser höchstpersönlich gelaufen kommen.

Sie müssen sich dieser Interpretation nicht anschließen, aber denkbar ist sie.

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