Seit einiger Zeit hält die Politik in Deutschland den Atem an, wenn das Gespräch auf die AfD kommt. Diese im extrem rechten Rand angesiedelte, neue Partei polemisiert unter anderem gegen Flüchtlinge und lässt auch kaum ein Fettnäpfchen aus, in das sie nicht hinein treten könnte, nur um kurz darauf zu behaupten, es sei doch alles nicht so gemeint gewesen. Man muss hier von taktischem und strategischem Kalkül ausgehen. Denn wer in Fettnäpfchen tritt, über den wird geredet und der bestimmt die Schlagzeilen in den Medien. Man kennt ihn.

In der aktuellen ZEIT-Ausgabe wird von der in Ostdeutschland angesiedelten Gemeinde Bitterfeld berichtet. Dort sind die Flüchtlinge zunächst einmal eher ein sekundäres Problem. Das viel größere Problem ist ein anderes.

Um 2003 herum versprach Angela Merkel, die damals noch keine Bundeskanzlerin war, auch den Regionen im Osten, man müsse nur den Gürtel etwas enger schnallen, flexibel sein und sich anstrengen, dann könne man auch zu einem gewissen Wohlstand kommen. Mittlerweile haben sich im Umkreis von Bitterfeld tatsächlich einige Industrieunternehmen angesiedelt und bieten in gewissem Rahmen auch Arbeitsplätze. Diese sehen allerdings so aus, dass man davon nicht wirklich leben kann. Es wird berichtet von einer Frau, die im Schichtbetrieb Kleider in schwerer körperlicher Arbeit sortieren muss, ihr Gehalt liegt kurz über dem Mindestlohn, und sie kommt abends nach Hause, fällt ins Bett und schläft etwa gegen 9 Uhr, weil sie so ermattet ist von der anstrengenden und ermüdenden Tätigkeit des Tages. So geht es jeden Tag.

Sie kämpft also täglich ums Überleben, sieht am nahegelegenen See entstehende Luxuswohnungen und muss immer stärker feststellen, dass sie selber aus ihrer Armut praktisch nicht herauskommen kann. Das macht sie bitter. Und verzweifelt. Als Angela Merkel dann letztes Jahr die Flüchtlinge gewissermaßen willkommen hieß und in Deutschland den Obamaslogan yes we can, nur auf deutsch, wir schaffen das, verkündete, verstand diese Frau die Welt nicht mehr. Während es in ihrer Region hinten und vorne an finanziellen Unterstützungen durch den Staat fehlt und arme Menschen sich abstrampeln, jedoch irgendwie zu keinem Wohlstand gelangen, soll plötzlich Geld für Flüchtlinge da sein. In ihrer Werkshalle, in der sie seit vielen Jahren arbeitet, werden auch Flüchtlinge , um sie irgendwie integrierend in Arbeit zu bringen, jedoch erhalten diese ein paar Vorzüge, sie können beispielsweise auf Ämter gehen während der Arbeitszeit, wohingegen die beschriebene Frau dies stets in ihrer Freizeit machen musste. Dies erzeugte bei ihr zum einen eine gewisse Resignation, zum anderen eine Art von Sozialneid. Da kommt jemand, dem es eigentlich noch schlechter geht, aber anstatt sich mit dessen Situation irgendwie zu solidarisieren, die man ja selbst allzu gut kennt, tritt man nach unten, um nicht mehr in der untersten Liga selber spielen zu müssen.

Insofern ist der beängstigende Aufstieg der AfD wohl zu einem gewissen Teil auch der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland zu verdanken. Ähnlich wie bei Trump in den USA gibt es hier eine gewisse Gruppe von Menschen, die sich finanziell und sozial immer stärker abgehängt fühlen und durch die AfD irgendwie vertreten sehen, vermutlich, weil diese laut ist und populistische Versprechungen macht, obwohl sie diese kaum wird halten können. Die Vertreter dieser Partei hören offenbar durchaus zu, wenngleich sie auch keinerlei Konzepte im Petto haben, um gegen diese Ungleichheit vorzugehen. Doch dies verstehen die meisten Wähler scheinbar nicht. Ihnen geht es darum, auf ihre eigenen Missstände aufmerksam zu machen und sie instrumentalisieren dafür auch gerne die Menschen, die noch verzweifelter sind, als sie selber, beispielsweise die Flüchtlinge.

An anderer Stelle in der ZEIT findet man einen Nachruf anlässlich des Todes von Anthony Atkinson, der sich viele Jahre lang mit der Erforschung von Ungleichheit in der Gesellschaft beschäftigte. Lange interessierte sich niemand für seine Studien, doch seit dem Aufstieg Trumps und der AfD ist das Interesse plötzlich groß. Was man bereits mit einigem Nachdenken sich selbst hätte erschließen können, fasst er zusammen, dass nämlich die soziale Ungleichheit, der Unterschied zwischen Arm und Reich in Deutschland, zu sozialen Unruhen und Problemen führen kann.

An dieser Stelle müsste man wohl ansetzen. Einerseits ist es ein Gebot der Nächstenliebe und zudem gesetzlich verankert, dass Flüchtlingen, die ernstzunehmende Gründe für ihre Flucht haben, geholfen werden muss. Sie brauchen Unterstützung, besonders alleinreisende Jugendliche brauchen zudem auch Bildung, wenn man sie nicht als verlorene Gesellschaft und Generation begreifen möchte, was in der Folge zu einer Radikalisierung und Kriminalisierung führen kann. Hier muss Geld in die Hand genommen werden, um Flüchtlinge einerseits in Arbeit zu bringen, ihnen andererseits das Unerträgliche, lange Warten auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu verkürzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, durch Bildung in die Gesellschaft hinein zu kommen, so dass sie sich integrieren können.

Zum anderen müssen ähnliche soziale Fördermaßnahmen natürlich auch gerade für die Menschen in Deutschland ergriffen werden, die hier schon lange leben, arbeiten oder vielleicht sogar malochen, aber mittlerweile das Gefühl bekommen haben, es nütze alles nichts. Auch ihnen müsste die Politik stärker Perspektiven vermitteln und bereitstellen. Denn reich ist Deutschland ja durchaus. Am Geld dürfte ist doch eigentlich nicht mangeln. Was Deutschland finanziell nicht schafft, welches Land kann das denn überhaupt schaffen?

Das Grundkonzept ist in der Theorie einfach. Wenn es allen einigermaßen gut geht, braucht man weniger Polizei, hat weniger Kriminalität und es gibt auch weniger Sozialneid. Politiker sind nun dafür da, aus der Theorie umsatzfähige Konzepte zu entwickeln. Das würde dann sicherlich auch der AfD den Zulauf reduzieren, die zwar laut, jedoch ziemlich konzeptlos durch die Monate stolpert. Am Schluss könnte die erlösende Frage stehen: Wer braucht schon die Radikalen, wenn er eigentlich in Frieden und in einem gewissen Wohlstand leben kann? Nein, die braucht man dann nicht mehr. Die könnten sich dann wieder in die braune Ecke der Geschichte verkriechen und dort bleiben.

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