Kennen Sie Martin Luther? Gut. Martin Dreyer? Auch, wenn beide ziemlich unterschiedliche Lebenswege hatten beziehungsweise haben, verbindet beide Martins doch einiges. Denn beide wollten dem Volk aufs Maul schauen. Bei Martin Luther entstand die Bibelversion, die heute in der evangelischen Kirche immer noch gelesen wird. Bei Martin Dreyer die sogenannte Volxbibel, die versucht,  die theologischen Gedanken der Bibel ins Hier und Heute in eine moderne, bisweilen saloppe Sprache zu gießen. Ziel ist aber keinesfalls eine Verulkung, sondern eine Aktualisierung des Inhalts, so dass Menschen die Bibel wieder lesen. Denn darum geht es ja. Manchem ist diese modernisierte Bibelfassung zur nah am Slang, aber manchem ist auch die Lutherbibel zu sehr am verstaubten Museum dran.

Was passiert aber, wenn jemand wie Martin Dreyer, der selber aus der Jesusus-Freaks Bewegung stammt, an deren Gottesdiensten man gerne mal mit einem Glas Bier in der Hand und einem Joint in der anderen teilnimmt, Jesus neu entdeckt? Richtig, das ist nichts für ganz fromme Pietisten. Diese bekommen gleich erstmal einen Herzstillstand, wenn sie die Eingangsthemen des Buches schnuppern. Klar, es geht um Party und es geht um Sex. Wie das aber mit Jesus zusammenhängt, soweit stoßen sie dann nicht vor.

Das Buch startet mit dem sogenannten Weinwunder zu Kana. Wenn man sich in dieses Buch hineinbegibt, braucht man natürlich nicht auf die historisch-kritische Methode zu warten, die dann verschiedene Redaktionsschichten aufdeckt und soweit zerstückelt, bis nichts mehr übrig bleibt, wie gerne geschehen im 19. Jahrhundert, um dann als eines der angeblich wenigen „echten“ Jesusworte die Perikope „Lasst die Toten ihre Toten begraben“ herauszuschälen. Diese Methode hat sicherlich ihre Berechtigung, zerlegt Jesus aber in kleine methodische Stücke und lässt manchmal nicht mehr allzu viel von ihm übrig. Wer ein Gedicht nur grammatisch analysiert, hat nichts von Poesie verstanden. Martin Dreyer dagegen geht von dem tatsächlichen biblischen Text aus, der von Theologen über die Zeiten hinweg aufgeschrieben und komponiert wurde, was ja auch eine sinnvolle Vorgehensweise ist, da man so die vorgegebene Grundlage nicht ständig weganalysiert und zerstückelt, sondern auf dem aufbaut, was an Gedankengebäuden und Theoriebildung bereits vorhanden ist. Auch Karl Barth geht in seiner kirchlichen Dogmatik so vor.

Wenn Martin Dreyer nun also mit einem Wunder in seinem Buch beginnt, das den Wein zum Thema hat, dann hängt das wohl auch mit seiner Sozialisation als Jesusfreak zusammen. Pietisten, bitte weggehört, aber dennoch sollte die Frage erlaubt sein: darf man als Christ eigentlich auch lustig sein und ausgelassen feiern? Oder muss man immer der Partyschreck sein? Denn als solcher eignet man sich offenbar ziemlich gut, indem man die Moral, die Erkenntnis und was sonst noch alles dazugehört, für sich gepachtet hat. Wenn also Christen auf Partys auftauchen, verschwindet gerne mal der Spaß durch die Hintertür – und bleibt dann auch hinter der Hintertür. Oder wann waren Sie das letzte Mal in einer christlichen Disco und haben sich bestens amüsiert und so viel Alkohol getrunken, dass Sie danach völlig breit nach Hause gekrochen sind? Sehen Sie. Wenn Sie sich also amüsieren wollen, gehen Sie sicherlich nicht in eine Kirche, auf eine kirchliche Jugendveranstaltung, einen Kirchentag oder gar eine von Christen ausgerichtete Tanzveranstaltung. Zu absurd.

Zu Recht? Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass Sie hier richtig liegen? Sicherlich aufgrund ihrer Erfahrung. Ob diese Erfahrung allerdings auch mit Jesus etwas zu tun hat, haben Sie sich vermutlich noch nie gefragt.

Martin Dreyer geht also zu Beginn des Buches gleich mal in die Vollen. Jesus lebte in Palästina und wirkte dort, und zu Hochzeiten war es dort eben üblich, eine gewisse Zeit, die auch mehrere Tage umfassen konnte, zu feiern und dabei dem Wein keineswegs abhold zu sein. Hätte Jesus in Bayern gelebt, hätte er vermutlich nicht Wasser in Wein, sondern in Franziskaner Hefe-Weißbier verwandelt, so die These.

Es geht Martin Dreyer zu Beginn des Buches also darum, einmal zu hinterfragen, woher denn die pietistischen Vorstellungen kommen, Jesus sei irgendwie nicht mit Party oder Feiern in Verbindung zu bringen. Nach und nach zerlegt er diese Vorstellungen. Heraus kommt ein Jesus, den Mann und Frau dann plötzlich durchaus interessant und lebensnah finden kann: das ist ja irgendwo ein Typ wie Du und ich. Interessanter wird das Ganze dann noch im Johannesprolog, der ja damit beginnt, dass am Anfang das Wort war und dieses bei Gott war. Gott war das Wort. Weiter unten wird dann die Gleichung aufgelöst, indem entziffert wird, dass Jesus das Wort war. Jesus ist also Gott und er war präexistent und es gab ihn schon immer. Jesus, als eine Wesenheit des christlichen Gottes, war somit auch an der Schöpfung des Universums beteiligt, in welches er dann später als Mensch eintrat. Jesus ist gleich Gott und dieser hat durchaus Verständnis dafür, dass der Mensch, den er geschaffen hat und der Freude empfinden kann und Lust hat, zu feiern, auch feiert. Moralinsaueren Predigten, die einzig darauf abzielen, dem Kirchenbesucher einen demütigen Schauer aufgrund all seiner moralischen Verfehlungen den Rücken herunter laufen zu lassen und ihn in gebückter und zerknirschter Haltung aus dem Gottesdienst zu entlassen, sind, wie Sie schon vermuten, nicht Martin Dreyers Ding.

Jesus hatte also nichts gegen eine gute Feier. Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Aussehen. War er einer, der Birkenstocklatschen trug und immer die hässlichsten Klamotten aus dem Batikshop anhatte? Martin Dreyer entwirft ein anderes Bild. Er vermutet, dass Jesus eine attraktive Gestalt hatte, was auch damit begründbar ist, dass eine ganze Menge Frauen sich ihm anschlossen. Neben Charisma besaß er sicherlich Charme und eine gewisse körperliche Ästhetik und Attraktivität. Frauen drehten sich nach ihm um, Männer ebenfalls. Der Jünger, den Jesus lieb hatte, hätte sich also durchaus in Jesus verlieben können. Maria Magdalena ebenfalls. Und die Sünderin. Und. Und. Ob er allerdings Zeit für eine feste oder auch lockere Bindung hatte und diese in seine Lebensaufgabe passte, ist eine andere Frage. Vermutlich eher nicht.

Wenn Gott in seine eigene Welt kommt, versteht er es nach Martin Dreyer, sich ein wenig schick herzurichten oder zumindest das Beste aus sich zu machen. Auch, wenn er letztlich nicht von seiner göttlichen Macht in dem Sinne Gebrauch machte, dass er sich dem Kreuzestod entzog,  ließ er sich dennoch nicht irgendwie bewusst gehen oder herunterkommen. Jesus zeigt sich hier als Mensch, der das aus sich heraus holt, was an Fähigkeiten und Anlagen in ihm schlummert, auch in ästhetischer Hinsicht. Jesus zeigt sich hier also nicht nur im Leiden als exemplarischer Mensch, sondern auch im Leben.

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Sex. Dürfen Christen eigentlich Spaß haben dabei? Das wäre jetzt wohl die Stelle, an der Sie am besten lieber selber das Buch lesen. Ich wünsche Ihnen interessante Lektüre. Nach der Lektüre dürfen Sie dann gerne wieder verklemmt werden. Oder auch nicht.

2 Kommentare zu „Der vergessene Jesus – von Martin Dreyer, Buchbesprechung

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