Manchmal hört man die Behauptung, die Religionen oder die Religion sei schlecht. Wenn das aus dem christlichen Umfeld heraus behauptet wird, klappt gerne noch hinterher, dass Jesus ja gar keine Religion begründet habe und es sich bei dem Christentum doch eigentlich um gar keine handle.
Bei der ersten Behauptung handelt es sich zunächst einmal um etwas ziemlich Undifferenziertes. Wenn man anführt, Religion sei schlecht, ist das in etwa so, als würde man behaupten, die Welt sei schlecht.
Man müsste also fragen, welche Welt? Ist die materielle Welt gemeint, also Menschen, Tiere, Pflanzen, vielleicht auch noch Steine, oder die immaterielle, also Gedanken, beispielsweise im Internet, in Büchern, in Zeitschriften, in dem Mund von Menschen oder sonstwie? Hätte man sich dann darauf verständigt, dass man zunächst einmal die materielle Welt meint, könnte man darauf kommen, man finde, die Menschen seien schlecht. Das ist natürlich immer noch grauenvoll undifferenziert. Welche Menschen denn? Temporal eingeschränkt, geographisch, von ihrer Ethnie her, von ihrer Lebensweise her, wie ist das gemeint, welche Menschen? Man könnte sich darauf einigen, zum Beispiel alle Menschen, die in Europa leben, beschreiben zu wollen. Die sollen also alle schlecht sein? Oder man könnte sich darauf einigen, alle Menschen, die gerne Bücher lesen. Auch hier wieder das gleiche Problem. Man müsste weiter differenzieren, um welche Bücher es sich handelt. Gibt es Unterschiede zwischen Lesern der einen und der anderen Art von Büchern? Unterscheidet sich jemand, der Hitlers „Mein Kampf“ liest, qualitativ von jemandem, der die Bibel liest oder von jemandem, der den Koran liest oder von jemandem, der die Tora liest?

Kommen wir mal zurück zur Religion. Religion sei also schlecht, so die Behauptung mancher Menschen. Auch hier müsste man erst mal fragen, wie der Religionsbegriff denn überhaupt definiert werden soll. Ist mit Religion der private persönliche Glaube gemeint? Die Institution Kirche? Die theologische Überlieferung? Wenn ja, dann eine fundamentale, am Buchstaben orientierte theologische Überlieferung, oder eine libertäre? Ist also die Tradierung damit gemeint? Oder geht es, wenn jemand behauptet, Religion sei schlecht, ihm oder ihr darum, zu sagen, das Leben innerhalb einer Gemeinde sei schlecht? Auch hier die Frage, von welcher Gemeinde? Und auch hier die Frage, welches Gemeindeleben ist denn schlecht? Ein fundamentalistisch totalitäres Gemeindeleben? Ein libertäres? Ein diskursives?

Sind mit Religion religiöse Traditionen gemeint? Oder religiöse Lebensstile? Auch diese unterteilen sich wieder in eine Vielzahl von Ästen. Oder sind religiöse Bräuche gemeint? Oder der Versuch, Machtansprüche religiös zu untermauern? Sind religiöse Menschen gemeint? Und wenn ja, was bedeutet in diesem Sinne religiös? Sind es Menschen, die gerne beten? Oder sind sie religiös, weil sie öfters in die Kirche, die Synagoge oder die Moschee gehen? Oder weil sie sich dem Buddhismus anschließen? Gehen sie in die Kirche, weil sie gläubig sind, oder weil sie sonntags dort gute Kontakte pflegen? Wollen sie dort vielleicht Geschäfte tätigen, sich eigene Vorteile verschaffen, oder wollen sie dort vielleicht einfach nur gesehen werden, also gesellschaftlich sich selbst irgendwie repräsentieren? Tun sie es uneigennützig oder verfolgen sie spezielle Ziele mit ihrem Besuch in der Kirche?

Ich glaube, Sie haben eine kleine Ahnung bekommen, was gemeint ist. Wer behauptet, Religion oder Religionen seien schlecht, tut das wohl aus einem der folgenden Gründe.

– Sie oder er hat schlechte Erfahrungen mit einer Form von Religiosität oder religiös begründeter Repression gemacht. Beispielsweise mit dieser etwas unverständlichen Sache, die man als Gemeindezucht bezeichnet. Logisch, dass man da die Nase voll bekommen kann, wenn man beispielsweise in Freikirchen erzählt bekommt, welche Regeln genau man denn alles einhalten müsse, um Gott zu gefallen. Das geht bis ins Sexuelle, das in mancher solcher Gemeinden speziell bei Jugendlichen stark reglementiert wird. Von den Eltern unter dem Deckmantel der Begründung, Gott wolle es doch so.

– Es kann auch sein, dass derjenige einfach provozieren will.

– Oder es kann sein, dass derjenige überhaupt nicht in der Lage ist, differenziert zu denken.

    Wie auch immer. Wir haben dieses System nun zumindest etwas enttarnt.

    Und dann noch die Sache mit Jesus. Gerne wird von einigen Christen, bis zurück zu Karl Barth, angeführt, Jesus habe doch gar keine Religion gegründet. Einerseits ist natürlich was dran an der Sache, wenngleich Jesus in der Überlieferung so dargestellt wird, dass er sich selber als das Ziel des mosaischen Gesetzes sah. In der Zeit vor Jesus hätten die Menschen gewissermaßen die Gesetze des Moses gebraucht, die im Judentum ja nachwievor Geltung haben, aber mit Jesus habe etwas Neues begonnen.

    Diese Sicht ist dann zumindest nahe der evangelisch-lutherischen Sichtweise. (Luthers Antisemitismus überspringe ich hier einfach mal.) Jesus wird hier als das Ende der Gesetzesreligion gesehen. Man hat verstanden, dass der Mensch sich unmöglich durch das Einhalten von Regeln an Gott heran arbeiten kann. Natürlich soll der Mensch versuchen, hilfreich und gut zu sein und sich anständig zu benehmen, sich beispielsweise am Doppelgebot der Liebe orientieren sowie an den 10 Geboten. Dennoch, so die lutherische Lesart, ist es nicht möglich, sich durch korrektes Handeln irgendwie an Gott heran zu arbeiten. Das hat etwas Befreiendes. Das hatte auch für Martin Luther etwas Befreiendes. Er erkannte im Römerbrief, dass gläubige Christen durch ihren Glauben an Gott gerechtfertigt sind, gerechtfertigt meint hier angenommen von Gott. Allein durch die Gnade Gottes und den Glauben an ihn und sein Heilswerk in Jesus Christus können Christen darauf hoffen, dass sie von Gott angenommen sind. Und erst in Folge dessen sollen sie darauf reagieren und anständig handeln, allerdings nicht im Sinne des do-ut-des Prinzips, sondern freiwillig. Sie sind dazu aufgefordert, auf das Geschenk der Annahme Gottes zu reagieren, verpflichtet sind sie aber nicht. Sonst wäre es ja kein Geschenk. Insofern kann man sagen, ist Jesus wirklich das Ziel des mosaischen Gesetzes, denn es wird mit ihm aufgehoben. Der gläubige Christ ist von Gott angenommen, weil er glaubt und weil Gott gnädig ist, nicht deswegen, weil er fehlerfrei handelt.

    In dem Falle wäre also das oben Erläuterte damit gemeint, dass das Christentum ja gar keine Religion sei. Dies ist in diesem Fall gewissermaßen richtig, wenn man damit sagen möchte, dass das Christentum, zumindest lutherisch verstanden, das Ende einer Gesetzesreligion bedeutet, wenngleich in mancher Art von Kirche das Gesetz durchaus weiterhin gerne und massiv beachtet werden muss oder soll, man denke an die oben erwähnte Gemeindezucht.
    Dennoch ist das Christentum natürlich durchaus eine Religion, wenn man mit Religion die religiöse Tradierung meint. Niemand wüsste heute mehr irgendetwas von Jesus, wenn nicht einige Jahrzehnte nach Jesu Tod Theologen dessen Kreuzigung theologisch gedeutet hätten, so die Evangelisten und Paulus beispielsweise. Ohne die Religion also im Sinne von religiöser Tradierung und theologischer Interpretation könnten wir uns heute unter einen Baum setzen und hoffen, dass Gott doch mit uns sprechen möge. Insofern ist es natürlich völlig undifferenziert, zu behaupten, das Christentum sei keine Religion. Zudem würde diese Behauptung auch sämtliche theologischen Diskurse ausklammern, die im Laufe der Jahrhunderte die Deutung Jesu thematisierten.

    Demnach ist das Christentum eine Religion oder auch nicht, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man herangeht. Dementsprechend kann man auch nicht sagen, Religionen seien generell gut oder schlecht. Zumindest kann man diese Aussage nicht machen, wenn man an sich den Anspruch hat, zumindest ein wenig reflektiert zu denken und zu argumentieren.

    Wenn jemand behauptet, die Religion oder die Religionen seien schlecht, so muss man hinterfragen, welche Definition von Religion derjenige meint. Erst, wenn hier präzise definiert und argumentiert wird, kann man zustimmen oder ablehnen. Aber im Trüben und Vagen zu fischen sollte nicht Kennzeichen unserer Zeit sein, nur weil viele Populisten und Marktschreier sich in unseren Tagen auf dieses Ramschniveau herunter begeben.

    2 Kommentare zu „Ist Religion schlecht?

    1. Ja es kommt sehr stark auf die Definition von Religion an. Das was üblicherweise in der Theologie oder in der Soziologie unter Religion verstanden wird, ist m.E. oft gar nicht gemeint. Es handelt sich hier um eine Definition, die aus der eigenen Theologie und ihrem Verständnis von Rechtfertigung und Heiligung gebildet wird.

      Die lutherische Perspektive hat nämlich noch einen entscheidenden Kern, (der über das Luthertum hinaus in protestantischen Theologien entscheidend ist). Dieser ist denke ich auch wichtig, wenn man vom freiwilligen Halten des Gesetzes spricht:

      Gott ist durch Jesus und in Form des Heiligen Geistes das Subjekt, die aktive, handelnde Perso; Nicht der Mensch. Gott ist es, der nach lutherischer Lesart für Rechtfertigung sorgt und letztlich auch für das Wollen und Vollbringen des Gesetzes. All dies geht damit nicht auf menschliche Anstrengungen zurück. Der Mensch kann es aus eigener Kraft nicht vollbringen. Diese Gedanken lassen sich dann bis hinein in evangelikale und charismatische Theologien beobachten (obwohl diese ansonsten doch teilweise sehr verschiedene Ansichten innerhalb des vertreten)

      So wie ich das von den entsprechenden Kreisen kenne wäre damit die Definition von Religion: Menschliche Bemühungen Gott zu gefallen oder Gott zu verstehen. Die Abwertung der Religion soll damit ausdrücken, dass jede menschliche Anstrengung sinnlos ist. Aus eigener Anstrengung könne weder das eine noch das andere erreicht werden. Es braucht Gottes aktives Eingreifen, um diese beiden Ziele zu erreichen. Durch Jesus und den Heiligen Geist. Und diese wiederum kennen keine Religion. In dieser Definition wäre Religion lediglich der menschliche Versuch sich mit menschlichen Mitteln Gott begreifbar zu machen.

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