Seit einiger Zeit begegnet einem in mehreren deutschen Städten eine Werbung mit einem ungewöhnlichen Slogan. Es ist die Werbung einer Zigarettenfirma, die ehemals einen Cowboy für ihre Zwecke einspannte und so versuchte, die Sehnsucht nach der grenzenlosen Freiheit in den Köpfen zu wecken und in eine Schachtel Zigaretten zu zwängen. Bis der Cowboy an Lungenkrebs starb. Und bis die EU neue Richtlinien bezüglich Zigarettenwerbung erließ, so dass demnächst grausame Bilder auf den Zigarettenschachteln erscheinen sollen, Bildern mit Lungenkranken, vom Rauchen zerstörten Zähnen, Raucherlungen und so weiter.

Diese Entwicklung dürfte auch an den Werbetextern nicht vorbei gegangen sein und so entschied man sich vermutlich, die illustrative Bildebene zu verlassen und psychische Bedürfnisse durch möglichst kurze und einprägsame Slogans zu wecken.

Heraus kam also der Slogan „you decide“. Was erstmal so harmlos und so einprägsam klingt, ist bei genauerem Hinsehen zutiefst ethisch und moralisch bedenklich.

Natürlich ist es ein Grundbedürfnis von fast jedem Menschen hierzulande, derjenige zu sein, der entscheidet. Die Erfahrung der meisten Menschen jedoch dürfte genau eine gegenläufige sein. Wer kann denn heute schon so richtig entscheiden? Im freizeitlichen Bereich gibt es hier sicherlich viele Möglichkeiten, im Umfeld der Arbeit sind viele Menschen heute stark eingeschränkt.

Da zieht natürlich solch ein Slogan. You decide.

You decide soll wohl aber besonders davon ablenken, dass Menschen, die rauchen, oft überhaupt keine wesentliche Entscheidung mehr darüber haben, was sie da tun. Viele haben dagegen die Erfahrung gemacht, dass das Rauchen nach und nach und zunächst unspürbar, dann aber immer stärker und schließlich ganz massiv in ihr Leben eindrang. Begonnen mit ein paar Zigaretten, die man hier und da mal gepafft hatte, dann ein paar Lungenzüge und dann irgendwann die Gewohnheit, sich durch Zigarettenpausen so eine Art von Freiheit zu erkaufen, die darin besteht, dass man eben eine Legitimation für sich selbst und die Arbeitskollegen findet, ein paar Minuten vor die Tür zu gehen. Eine scheinbare Freiheit, die gleich nach der Beendigung einer Zigarette nach der nächsten schreit.

Landläufig spricht man hier von Gewohnheit, im Fachjargon spricht man von Sucht. Sucht ist aber nichts, was man sich aussuchen könnte oder gar steuern. Sucht ist etwas, was den Menschen steuert. Es steuert, Es will rauchen, Es treibt an. Das hat nichts mit entscheiden zu tun. Die Sucht trifft die Entscheidung.

Aus psychologischer Sicht hört man die These, dass jede Sucht letztlich eine Sehnsucht ist. Wenn man also vor die Tür geht, um ein paar tiefe Züge zu nehmen, will man eigentlich etwas anderes. Man will Selbstbestimmung, man will vielleicht soziale Anerkennung, man sehnt sich nach familiärer Geborgenheit oder nach dem Eingebundensein in einen Freundeskreis. All diese Sehnsüchte projiziert man auf die Zigarette.

Religionen würden in diesem Fall wohl davon sprechen, dass unsere Sehnsucht letztlich darin begründet ist, dass wir nach dem suchen, woher wir stammen, nach unserem Urgrund. Aber dies nur nebenbei.

Werbung will manipulieren und diese Werbung versucht es auf ziemlich perfide Weise. Wenn Sie also demnächst mal wieder an einem Bushäuschen stehen und auf diese Werbung schauen, auf der dann steht „you decide!“, dann ist schon viel gewonnen, wenn Sie sich aktiv folgenden Gedanken formulieren können:

You manipulate!

Denn wenn die Manipulationsstrategie einmal erkannt ist, ist sie nur noch halb so wirkmächtig.

Wie wenig man Sucht im Griff hat, zumindest dann, wenn man mit ihr allein gelassen ist, können Sie in dem folgenden Bericht gut nachvollziehen:

Iss doch einfach!

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