Auferstehung Jesu: War sein Grab überhaupt leer ?

Besonders für evangelikale Christen ist dies oft eine Frage, an der sich alles entscheidet: wenn das Grab Jesu nicht leer war, sei er auch nicht auferstanden. Dies sieht der katholische Theologe Hans Kessler ganz anders.

Denn, so Kessler, es könne viele Gründe geben dafür, dass man ein leeres Grab fand: Verwechslung, Leichendiebstahl, Umbettung beispielsweise. Ein leeres Grab an sich sei kein zwingender Beweis für Jesu Auferstehung.

Allerdings weist Kessler darauf hin, dass zur Zeit Jesu keineswegs die einhellige Meinung vorherrschte, dass jemand, der bei Gott ist, tatsächlich mit seinem materiellen Körper auch das Grab verlassen haben muss.

Diese Meinung gab es zwar, aber es gibt mindestens ebenso viele Zeugnisse, die annehmen, dass die Toten lebendig bei Gott sind, während ihr Leichnahm im Grab ruht. Jesus selbst sagt im Gespräch mit den Sadduzäern: Diejenigen, die gestorben sind, essen nicht und heiraten nicht; sie sind wie Engel im Himmel.

Leibhaftige Auferstehung ist laut Kessler also nicht einfach eine Rückkehr in irdische Zusammenhänge, sondern der Übergang in eine völlig andere Seinsweise; nicht einfach eine fünfte Dimension, sondern etwas ganz anderes.

Eine im Grab aufgestellte Videokamera hätte demnach nichts aufgezeichnet von Jesu Auferstehung, da dieser Übergang die Raumzeitlichkeit, die Sinnlichkeit, die empirische und historische Nachprüfbarkeit völlig übersteigt. Der Auferstehungsvorgang ist kein historisch kontrollierbares Ereignis. Historisch zugänglich ist dagegen allerdings, was die Jünger erlebt haben: sie machten die reale Erfahrung, dass Jesus auferstanden war.

Hier kommt nun der Theologe Rudolf Bultmann ins Spiel. Er wollte den Glauben an Jesus einer modernen Gesellschaft kommunizierbar machen. Er prägte die Vorstellung, dass Jesus in die christliche Botschaft, ins „Kerygma“ also, auferstanden ist.

Damit ist nicht gemeint, dass man sich bloß an Jesus erinnert und die „Sache Jesus“ weitergeht, weil eben Menschen immer noch von ihm erzählen. Nein.

Es ist damit gemeint, dass Jesus (und somit Gott höchstpersönlich) immer dann in besonderer Weise gegenwärtig ist, wenn Menschen die christliche Botschaft verkünden und nach ihr leben. Dann ist Gott ganz nah. Dann ist der „Himmel“ schon ein Stück weit Realität auf der Erde.

Diese Vorstellung kann man gut nachvollziehen bei dem Bericht über die Emmausjünger. Zwei Jünger gehen nach Emmaus, ca. 2 Wegstunden von Jerusalem entfernt. Sie treffen einen Mann, der sich ihnen zugesellt und der ihnen die Botschaft Jesu auslegt:

27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. 

28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.

29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.

31 Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 

32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?  (Quelle)

Die Jünger erkennen plötzlich, dass sich Jesus in diesem Mann zeigt, und zwar indem dieser Mann wie Jesus das Abendmahl vollzieht und ihnen zuvor die Heilige Schrift und die Geschehnisse um Jesus auslegt und erläutert.

Und: „er verschwand vor ihnen“ plötzlich. Hier ist wohl nicht gemeint, dass er sich in Luft auflöste. Vielmehr geht es wohl darum, dass die Jünger Jesus in diesem Fremden erkennen, weil er handelt und spricht im Sinne der Botschaft Jesu. – Als er damit aufhört, verschwindet diese Wahrnehmung, dass Jesus gegenwärtig ist, wieder.

Dies heißt vermutlich nicht, dass Gott automatisch fern wäre, wenn man gerade mal nicht die christliche Botschaft kommuniziert.

Es heißt aber: Gott ist nah, wenn man im Sinne der christlichen Botschaft handelt und sie kommuniziert.

Jesus ist auferstanden – in die christliche Botschaft. Immer, wenn wir diese Botschaft verkünden, ist er ganz besonders nah bei uns, so nah, dass wir ihn fast spüren können – wenn wir genau hinspüren.

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p.s. Eine etwas anders gelagerte Erfahrung, die aber auch mit Wahrnehmung zu tun hat, kann man hier nachlesen:

Tote verabschieden sich von uns„.

Die Erfahrungen mit Jesus deuten zwar auf etwas anderes hin, nämlich eine spezielle Nähe Gottes zu den Menschen; allerdings gibt es Ähnlichkeiten: dass man offensichtlich Dinge wahrnehmen kann, wenn man empfänglich ist dafür, die sich naturwissenschaftlich nicht messen lassen. Wer deshalb meint, es gebe sie nicht, liegt wohl falsch.