Paris-Attentate: Keimt nun Verfolgung und Ausgrenzung von Muslimen ?

read me türkisZu dem Attentat gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ schreibt das Magazin Cicero, es sei Zeit für eine islamische Revolution: im Vergleich zu den islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Deutschland solle sich nun eine überwältigende Mehrheit aller Muslime in aller Welt erheben, um gegen die gewaltsame Auslegung des Koran zu demonstrieren.

Das klingt einleuchtend, allerdings geschieht das offenbar bereits auch weltweit.

Unabhängig von solchen Wünschen werden gerade Zahlen laut, wonach 57% der Deutschen der Islam suspekt sei bzw. sie sogar Angst vor ihm hätten. Die größte Angst besteht offenbar da, wo man den Islam überhaupt nicht kennt, da dort praktisch nicht vorhanden: in Dresden. Der Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung dazu:

„Die Angst ist am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben“, heißt es in der Studie.

http://www.focus.de/politik/deutschland/gewalt-macht-positive-entwicklungen-zunichte-trotz-verstaerkter-integration-mehrheit-der-deutschen-fuehlt-sich-vom-islam-bedroht_id_4389922.html

Nicht einmal zwei Prozent der Muslime leben in den neuen Bundesländern. Ein Drittel der Muslime lebt in NRW – weil die Gastarbeiter in den 1960er-Jahren vor allem in die industriellen Ballungszentren von Köln-Bonn und das Ruhrgebiet zogen.

http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/fakten-zu-muslimen-100.html

  • Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime, nämlich zwischen 3,8 und 4,3 Millionen von 80,6 Millionen. Das ergab eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, „Muslimisches Leben in Deutschland“ aus dem Jahr 2009.
  • Mit rund 2,5 bis 2,7 Millionen bilden türkischstämmige Migranten die größte Gruppe. Die rund 550.000 Muslime aus Südosteuropa und 330.000 Muslime aus dem Nahen Osten folgen mit deutlichem Abstand.

http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/fakten-zu-muslimen-100.html

Hier macht sich offenbar der alte Hitchcock-Effekt breit, der darin besteht, in Thrillern (also Filmen) gerade das Wesentliche nicht zu zeigen und so die Spannung ins Unermessliche zu überhöhen, und zwar deswegen, weil dann die eigene Phantasie zu Höchstform aufläuft. Als dramatisches Negativbeispiel dieses Prozesses kann man an die üble und falsche Nachrede gegen die Juden zur Hitlerzeit erinnern,  wo den Juden das Negative in Reinform angehängt und unterstellt wurde und das von derartiger Propaganda berieselte Volk allzu willfährig diese Botschaften wiederholte – bis zur Vergasung, im wörtlichen Sinne – grauenvollerweise.

Diese Grundgefahr besteht auch heute, allerdings nicht mehr mit der Minderheit der Juden in Deutschland (soviel hat man in Deutschland wohl gelernt – immerhin), sondern mit der Minderheit der Muslime. Auf dem vermeintlich größten Islamhasser-äh-kritiker-Blog Deutschlands werden seit Jahren den Moslems alle möglichen Untaten angehängt, der Moslem an sich wird in despektierlicher Weise in der Terminologie der 50er Jahre als „Mohammedaner“ bezeichnet (wohl einfach deswegen, weil es unschöner klingt). Man bemüht sich dort zwar bisweilen noch (wenn auch mit einiger Anstrengung), ein klein wenig deutlich zu machen, dass man ja eigentlich gar nichts gegen die Menschen an sich habe, nur gegen die Religion. Was man auf solchen Blogs aber gerne übersieht, ist, dass Menschen ja nicht nur ihre Religion sind, sondern auch Produkt der Kultur, in der sie leben, und ihrer Sozialisation. Das gilt natürlich auch für viele Muslime in Deutschland: sie kennen die Vorzüge der Demokratie, der freien Meinungsäußerung und so weiter, und es ist schwer nachvollziehbar, warum sie denn nun alle gar potentielle Attentäter oder gar latente geistige Unterstützer sein sollten. Die Meinungsumfragen unter Muslimen in Deutschland sprechen auch eine deutlich andere Sprache.

„Die Verbundenheit der Muslime mit Deutschland und seinen gesellschaftlichen Werten trägt jedoch nicht dazu bei, dass sich negative Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen“, erklärte die Stiftung.

http://www.focus.de/politik/deutschland/gewalt-macht-positive-entwicklungen-zunichte-trotz-verstaerkter-integration-mehrheit-der-deutschen-fuehlt-sich-vom-islam-bedroht_id_4389922.html

Nun ist es so, dass man wohl sagt: eine Verfolgung von Minderheiten wird es in Deutschland nie mehr geben. Auch, wenn es diese schreckliche Form der Stigmatisierung und Auslöschung einer Religionsgemeinschaft vermutlich / hoffentlich nie mehr in Deutschland geben kann/wird, so muss man sich doch die Frage gefallen lassen: wie kann man da so sicher sein ? Die Untaten fangen stets im Kopf an, aus Gedanken werden Taten, aus Taten Handlungen, aus Handlungen möglicherweise Verbrechen. Wenn nun also die offenbar große Mehrheit der Muslime, die in Deutschland einfach nur friedlich ihr Leben leben will, in Sippenhaft genommen wird für die Anschläge einiger Radikaler, dann kommt man einem eisigen Klima innerhalb der Bevölkerung und einem neuen Ausgrenzung von Muslimen einen gewaltigen Schritt näher. Es ist gewissermaßen eine Vorstufe. Niemand weiß, ob diese Dynamik dann irgendwann noch zu stoppen sein wird. Es gilt deshalb, den Anfängen zu wehren.

Natürlich sind Attentate jeglicher Extremisten besorgniserregend. Aber besagter Islamhasser-kritiker-Blog, der oben genannt wurde, spricht von einem „Krieg in Europa“ – „Gut gegen Böse“ – „christliches Abendland gegen die Muslime, äh, sie werden dort ja ‚Mohammedaner‘ genannt“. Durch eine solche Rhetorik fühlen sich einfältige Gemüter schnell mal wichtig im vermeintlich zu führenden  Kampf gegen den Islam und generell folglich gegen alle Menschen, die zufällig an Allah glauben, statt an den jüdisch-christlichen Gott, der auch Elohim, Adonai, JHWH genannt wird: „Ich, ich kann was, ich kämpfe für das Gute, ich, der Krieger des abendländischen Lichts“. Wie gefährlich aber derartige Schwarzweißmalerei ist, müsste anhand der deutschen Geschichte eigentlich auch jedem noch so einfältigen Gemüt spätestens im Geschichtsunterricht klar geworden sein. Oder hat die Bildungspolitik versagt, Bildung als Kampf gegen den Extremismus ? Sind wir etwa schon wieder so weit ?

Unabhängig von diesen Überlegungen ist es natürlich wünschenswert und sehr zu h0ffen, dass viele muslimische Stimmen sich gegen Gewalt aussprechen und dass – wenn möglich – tatsächlich Reformprozesse bei der Koranauslegung vorangebracht werden, sodass die Gewalt beinhaltenden Stellen im Koran einer kritischen Revision unterworfen werden:

Der islamisch-amerikanische Schriftsteller Arsalan Iftikhar, der sich auf seiner Website und mit dem Twitternamen@TheMuslimGuy stolz zu seinem Glauben bekennt, hielt dem schon im Oktober 2014 einen interessanten Aspekt entgegen: In den letzten zwölf Jahren wurde der Friedensnobelpreis fünfmal an Muslime verliehen, also an Anhänger seiner Religion, die doch in den Augen vieler Menschen Krieg und Gewalt verherrlicht.

http://www.focus.de/politik/ausland/feindbild-islam-sind-muslime-gewalttaetig-diese-namen-sprechen-eine-andere-sprache_id_4389757.html

Ein weiteres Scharfmacher-Schein-Argument aus besagten Blog-Kreisen (siehe oben) ist zudem, dass praktisch jede muslimische, äh, ‚mohammedanische‘ Frau gewissermaßen eine „Dschihad-Gebärmaschine“ sei und so gewissermaßen eine Waffe im Kampf der Unterwanderung der westlichen Welt durch angeblich rasantes „Mohammedaner“-Bevölkerungswachstum. Dass dieses Argument längst entkräftet ist, interessiert besagte Kreise nicht sonderlich: während in den 70er Jahren eine türkische muslimische Frau in Europa noch im Durchschnitt 4,4 Kinder bekam, liegt heute der Durchschnitt bei 2,2 Kindern – die Familien haben sich an die Kultur, die Lebensgewohnheiten, den Lifestyle angepasst.

Die Einwanderung hat Auswirkungen auf die Familienpolitik der Muslime. Eine türkische Einwandererfamilie bekam 1970 im Schnitt 4,4 Kinder. 2011 waren es nur noch 2,2 Kinder. Die Geburtenraten sind weiter rückläufig.

http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/fakten-zu-muslimen-100.html

Sie haben sich an das Leben hier angepasst, sozialisiert gewissermaßen: So dürfte es sich auch mit den Vorteilen der Demokratie verhalten, an die sie sich gewöhnt haben, die ja auch den Moslems ein Leben in Freiheit und Gleichheit garantiert – sofern nicht wegen der radikalen Auslegung des Korans nun die Mehrheit der Moslems in Europa in Sippenhaft genommen werden und sie Verfolgung und Ausgrenzung fürchten müssen. Das aber wären gewichtige Dinge, die in eine Aussenseiterposition drängen können, in eine Position, in der radikale Demagogen und Prediger wieder großes Gehör finden könnten. Die ZEIT schreibt zum Problem der Gewalt im Islam folgendes:

ISLAM- Der Feind ist das Feindbild
Den Islam als Ganzes für den Terror von Extremisten verantwortlich zu machen, wäre fatal. Die Fehler der USA nach dem 11. September sollten uns eine Lehre sein. EIN KOMMENTAR VON 

http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-01/kommentar-paris-attentat

Wie sieht es mit der Gefährlichkeit des Islam aus ? Auf dem Domradio findet man folgendes Statement:

Weihbischof Jaschke zum Verhältnis von Christentum und Islam
„Jede Religion kann gefährlich sein“

Der Islam ist eine Religion, von der die meisten viel zu wenig wissen, meint der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Dialogbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Interview zur Islam-Feindlicheit, PEGIDA und Stimmungsmache.

http://www.domradio.de/themen/islam-und-kirche/2015-01-08/weihbischof-jaschke-zum-verhaeltnis-von-christentum-und-islam

Allerdings, und das kann man auch nicht ganz ignorieren,  ist die Gewalt im Islam offenbar zu einem Problem geworden, durch das sich viele Menschen bedroht fühlen, letztlich womöglich sogar auch die Mehrheit der gemäßigten Muslime (nicht umsonst gibt es so viele Flüchtlinge aus Syrien und anderswo vor dem „IS“ beispielsweise):

Blutspur im Namen des Islam

Die Beschwichtiger behaupten, dass die Terroranschläge von Paris nichts mit dem Islam zu tun haben. Wie bitte? Im Namen keiner anderen Religion wurden in den vergangenen Jahren derart barbarische Taten begangen. Ein Kommentar von Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke
http://www.pro-medienmagazin.de/kommentar/detailansicht/aktuell/blutspur-im-namen-des-islam-90660/

Trotz allem:  es ist nicht viel gewonnen, aber viel verloren, wenn man sich künftig als Moslem in Deutschland und anderswo in Europa nicht mehr auf die Straße trauen kann, aus Angst vor moslem-feindlichen Übergriffen.

Wie also weiter vorgehen ? Man muss die Angst in den Griff bekommen. Die wachsende Angst vieler Bürger in der westlichen (und auch östlichen) Welt – Juden, Christen, Atheisten, Moslems und wer sonst noch.

Denn, wie schon Yoda in Starwars richtig rezitierte:

Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid“.

http://sprueche.woxikon.de/filmsprueche/star-wars-sprueche/3700

Lassen wir – gerade als Deutsche und mit unserer deutschen Geschichte -, lassen wir, Nicht-Muslime und Muslime, es nicht zu, dass der Hass Überhand nimmt. Wehren wir den Anfängen. Wehren wir den Scharfmachern. Sorgen wir dafür, dass die Nächstenliebe siegt, nicht der Hass. Auf dass es sie nie wieder geben werde: eine neue Ausgrenzung, Stigmatisierung und Verfolgung einer Minderheit.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland reagierte bereits: in 900 Moscheen und Gebetshäusern erklangen Worte wie diese beim Freitagsgebet:

„Wir verurteilen diesen abscheuliche Terroranschlag aufs Schärfste. Wir sind erschüttert und schockiert über das Massaker, das an Zeitungsredakteuren und anderen Personen verübt wurde und wir trauen mit den Hinterbliebenen. Es gibt in keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten. Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft. Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen. Es ist zu befürchten,  dass der Anschlag neues Wasser auf die Mühlen von Extremisten jeglicher Couleur sein wird. Wir rufen alle dazu auf, dem perfiden Plan der Extremisten nicht auf dem Leim zu gehen, die die Gesellschaft spalten,  Hass und Zwietracht zwischen den Religionen schüren und die überwältigende Mehrheit der friedlichen Gläubigen zu Paria der Gesellschaft machen wollen. Die Attentäter von Paris müssen schnell zur Strecke gebracht und vor Gericht gestellt werden. „

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.