Ukraine-Krieg: Sehr geehrtes Heutejournal…!

Sehr geehrte Damen und Herren,

leider bin ich mal wieder gezwungen, Sie zum gleichen Thema zu kontaktieren.

Aus persönlichen Gründen war es mir leider in der letzten Zeit nicht möglich, täglich meine ehemalige Lieblingssendung Ihres Senders, das „heute-journal“ anzuschauen. Vermutlich war das Thema meiner Heimat, der Ukraine, nach der zuletzt erklärten Waffenruhe in Donbas nicht mehr das Leitthema gewesen. Aber die Sendung vorgestern (Di, 21.10.14) zum Thema anstehende Parlamentswahl in der Ukraine hat mich mal wieder an die Grenze der Verzweiflung gebracht. Leider, wie Sie aus unserem vorausgegangenen E-Mail-Verkehr ersehen können, sind schon auch in der Vergangenheit erhebliche Zweifel an der Objektivität Ihrer Berichterstattung aufgetreten, die Sendung von Vorgestern hat jedoch die kühnsten Erwartungen übertroffen. Man hatte das Gefühl, das ZDF steht als öffentlich-rechtlicher Sender nicht (mehr) im Dienste des deutschen Volkes und dessen objektiven Informationsversorgung, sondern agiert als „verlängerter Arm“ der putinschen Propaganda in Deutschland und Europa – schade!

Zum einen schon die Wortwahl gleich zu Beginn des Berichtes: „Konflikt in der Ukraine“ passt sehr gut zur Wortwahl russischer Kreml-treuer Medien, ist aber ansonsten höchst umstritten, vor allem vor dem Hintergrund eindeutiger Hinweise auf Teilnahme der russischen regulären Armee (!) auf Seiten der „Separatisten“ und deren tatkräftigen Unterstützung von der anderen Seite der ukrainisch-russischen Grenze. Dies scheint aber im Vergleich zu sonstigen Aussagen Ihres Korrespondenten richtig harmlos zu sein.

Die These vom „gespaltenen Land“ hat zunächst den Eindruck vermittelt, als schaute man gerade eine Sendung von vor einem Jahr an( z. B. Oktober 2013), aber selbst da war die angebliche Spaltung des Landes eher Wunschdenken des östlichen Nachbarn der Ukraine (also Russlands), als dies der tatsächlichen Lage entsprach, aber im Oktober 2014 ist dies einfach mehr als unwahr! Noch nie war die ukrainische Bevölkerung in allen wichtigsten Fragen (politische Ausrichtung, Außenpolitik, Sicherheit etc.) so vereint, wie nach dem Anschluss der Halbinsel Krim und dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine – Putin sei Dank!

Und die Krönung war Ihr Bericht aus meiner Heimatstadt, Lemberg, Lviv – auf Ukrainisch. In einem anständigen Sender zu behaupten, die Partei „Rechter Sektor“ hätte sehr gute Erfolgsaussichten bei der am kommenden Sonntag anstehenden Parlamentswahl ausgerechnet in Lemberg, ist wieder mal schlicht und ergreifend erfunden oder eben aus russischen propagandistischen Medien zitiert. Mich würde es sehr interessieren, woher der Berichterstatter seine Informationen bezieht. Mir ist sehr bewusst, dass der Vorwurf, „verlängerter Arm“ der putinschen Propaganda in Deutschland und Europa zu sein, sehr hart ist, jedoch ist dies das Einzige, was einem zu diesem Thema einfällt. Der „rechte Sektor“ kandidiert in der Tat bei der Wahl – die Partei ist nicht verboten, allerdings: sie hat KEINE Chancen, ins Parlament einzuziehen und genießt weder in Lemberg, noch sonstwo im Land eine richtige Unterstützung. Den Meinungsumfragen zufolge (allen, landesübergreifend) liegt die Unterstützung des „rechten Sektors“ – wie auch schon seines Vorsitzenden bei der Präsidentschaftswahl Ende Mai bei 1,2 – bei maximal 2 %!

Auch, wenn mir meine Bemühungen recht aussichtslos vorkommen, finde ich sehr wichtig, auch ein paar Tage verspätet der Zuschauer-Redaktion des Heutejournals diese Sicht zukommen zu lassen, verbunden mit dem frommen Wunsch – erneut mal wieder – nach mehr Objektivität in Ihrer Arbeit. Zum Glück gibt es noch die objektive Konkurrenz vom ARD!

Ich wünsche Ihnen in Ihrer wichtigen Arbeit viel Erfolg und verbleibe
mit vielen Grüßen,

ein Bewohner Lembergs /Lvivs, Ukraine