Und Dein Reich komme – Was ist das „Reich Gottes“ ?

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Der Begriff knüpft an die altorientalische Bezeichnung des höchsten Gottes El als „König“ (hebr. מלך melech) an.

Dieses Gottesprädikat tauchte in der Geschichte Israels seit der Königszeit (um 1000–586 v. Chr.) auf und wurde in der exilischen und nachexilischen Prophetie und Apokalyptik mit Vorstellungen wie der von Gott durchgesetzten universalen Herrschaft seines in der Tora geoffenbartem Heilswillens, der Befreiung aller Israeliten von Synkretismus, Exil und Fremdherrschaft, mit dem Endgericht und einer umstürzenden Neuschöpfung der Welt, einem neuen Zeitalter verbunden.

Für Juden und Christen bezeichnet Gottes Reich eine Welt, in der Gottes Wille geschieht, der alles Böse überwunden und alle Schuld vergeben hat, so dass Leid, Schmerz und Tod ein Ende haben. Nicht erst im Jenseits, sondern bereits hier auf Erden soll dieses Reich Gestalt annehmen. Für Christen sind Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi der entscheidende Anfang zu diesem Reich.[2]

Gottes Reich verhält sich nach jüdischer wie christlicher Tradition nicht ergänzend, überbietend und absichernd, sondern begrenzt, relativiert und kritisiert alle menschliche Machtausübung und alle irdischen Herrschaftssysteme als ihre endgültige Zukunft.[3] Der Begriff spielt daher im ChiliasmusMessianismus und in politischer Theologie eine bedeutende Rolle.

Altorientalische Herkunft

Der Tanach redet nur an wenigen Stellen von einem „Königtum“ JHWHs. Im Pentateuch werden diese verstreuten Belege zudem einer späteren Bearbeitungsschicht zugewiesen (Ex 15, 17fEUNum 23, 21 EUDtn 33, 5.26 EU). Als vermutlich ältester Beleg gilt Jes 6, 5 EU (vor 722 v. Chr.). Andererseits gibt es für biblische Aussagen etwa einer Thronbesteigung Gottes, Ehrung durch einen himmlischen „Hofstaat“ und Huldigung durch „Göttersöhne“ bzw. Fremdgötter (Ps 29, 1f.9 EUPs 97, 7 EU u.a.) bis in den Wortlaut hinein Parallelen auf Tontafelfunden von Ugarit. Auch Bilder eines königlichen Gottesberges Zaphon, auf dem der Wetter- und Fruchtbarkeitsgott Baal throne, ähneln biblischen Aussagen (z. B. Ps 48, 3 EU).

Deshalb gehen Alttestamentler meist davon aus, dass der biblische Motivkomplex der Königsherrschaft JHWHs den Israeliten in der polytheistischen Religion Kanaans vorgegeben war. Dessen Bewohner lebten in monarchisch beherrschten Stadtstaaten und pflegten Kulte eines hierarchischen Pantheons mit dem Gott El an der Spitze: Dieser wurde mit dem Königstitel als Oberhaupt der Götterversammlung, über ihr thronend und von den übrigen Göttern Ehrerbietung fordernd dargestellt. Baal, sein „Sohn“, wird in kanaanäischen Göttermythen eine Königsherrschaft von unbegrenzter Dauer zugesagt (vgl. Ps 145, 13 EU). Beider Züge wurden von den Israeliten auf den aus der Wüste mitgebrachten Gott JHWH übertragen, um die ansässigen Götter zu entmachten.

Der Alttestamentler Werner H. Schmidt fasst den Befund wie folgt zusammen:[4]

„Erkennt man, dass ein göttliches „Königtum“ in Israel vor der Landnahme nicht sicher bezeugt, aber der kanaanäischen wie überhaupt der altorientalischen Religion geläufig ist und eine Reihe von Verbindungen zwischen ugaritischen und alttestamentlichen Texten besteht, so ist die Schlussfolgerung nicht zu umgehen: Jahwes „Königtum“ ist ein Erbe Kanaans. Israels Gott hat das Königtum beider Götter, Els und Baals, auf sich vereinigt.“

Schmidt nimmt ferner an, dieser Prozess habe mit der Wahl Jerusalems als Hauptstadt des Großreichs Gesamtisrael unter König David zu tun gehabt, sei aber auch schon in älteren Kultorten wie Schilo denkbar gewesen, da dort bereits die von David nach Jerusalem gebrachte vorstaatliche Bundeslade als Thron JHWHs aufgefasst worden sei.

Hebräische Bibel

Das Abstraktum „Königsherrschaft JHWHs“ (hebr. malkuth) kommt im Tanach nur sechsmal vor (Ps 103,19; 145,11.12.13; 1Chr 17,14; 28,5). Alle diese Stellen gelten als nachexilisch. Für sich stehend findet sich malkuth ferner in den apokalyptischen oder apokryphen Texten Obd 21 und Dan 2,44; 7,13.27. Weitaus häufiger sind Aussagen, die JHWH als König und sein königliches Herrschen bildhaft veranschaulichen.

Als deren Ursprung gilt die aus kanaanäischen Kulten übernommene Aussage „JHWH ist König (geworden)“. Dieses Bekenntnis findet sich oft in den sogenannten Königspsalmen, darunter Ps 93 EUPs 96 EU–99 EU. In Ps 95, 1ff EU heißt es etwa:

„Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn und zujauchzen dem Fels unsres Heiles! Lasst uns mit Lob seinem Angesicht nahen, vor ihm jauchzen mit Liedern! Denn der Herr ist ein großer Gott, ein großer König über allen Göttern.“

Dies wird mit dem Hinweis auf die Schöpfung näher erläutert:

„In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge. 5 Sein ist das Meer, das er gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet. 6 Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer!“

Die geforderte Anerkennung (Proskynese) des Götterkönigs schließt an die kanaanäische Vorstellung des höchsten Gottes im Götterbereich an, begründet seine Macht aber nicht mit einem Sieg nach mythischen Götterkampf, sondern mit seiner Herrschaft über die ganze Erde, die sich dem erwählten Gottesvolk durch dessen wunderbare Führung bis zur Landnahme gezeigt hat:

„Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt.“

Daraus folgt die Bitte:

„Ach, würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!“

Gottes universale Königswürde ist hier mit der besonderen Erwählung Israels begründet. Die Depotenzierung der Fremdgötter zielt auf die Mahnung an Israel, Gottes Recht zu verwirklichen; die Tora-Offenbarung ist also vorausgesetzt. Ähnlich, aber mit Betonung des vorbildlichen Gehorsams Israels und seiner Führer heißt es etwa in Ps 99, 1ff EU:

„Der Herr ist König: Es zittern die Völker. Er thront auf den Kerubim: Es wankt die Erde. Groß ist der Herr auf Zion, über alle Völker erhaben. Preisen sollen sie deinen großen, majestätischen Namen. Denn er ist heilig. Stark ist der König, er liebt das Recht. Du hast die Weltordnung fest begründet, hast Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen. Rühmt den Herrn, unseren Gott; werft euch am Schemel seiner Füße nieder! Denn er ist heilig. Mose und Aaron sind unter seinen Priestern, Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen; sie riefen zum Herrn und er hat sie erhört. Aus der Wolkensäule sprach er zu ihnen; seine Gebote hielten sie, die Satzung, die er ihnen gab. Herr, unser Gott, du hast sie erhört; du warst ihnen ein verzeihender Gott, aber du hast ihre Frevel vergolten. Rühmt den Herrn, unsern Gott, werft euch nieder an seinem heiligen Berge! Denn heilig ist der Herr, unser Gott.“

Königswürde Gottes und gesicherte Existenz des Volkes im „gelobten Land“, Tempelkult und Abgrenzung von anderen Göttern bilden hier eine motivische Einheit (vgl. Ps 24, 7–10 EU, 29, 9f EU, 68, 25 EU).

In der Aussage JHWH ist König über die ganze Erde ist seine Herrschaft über alle Völker mitgedacht (z. B. Ps 47, 8f EUJos 3, 11.13 EUPs 97, 5 EU). Entgegen älterer religionsgeschichtlicher Hypothesen, wonach JHWH schon von den semitischen Nomaden als Volkskönig verehrt und nach der Landnahme zum Weltherrscher geworden sei, war dieser Universalismus schon in Kanaans Religion angelegt. Er wurde aber in Israel entfaltet und gesteigert (z. B. in Ps 103, 19 EUPs 145, 13 EU). Dabei seien, so Werner H. Schmidt, eventuell Mythen vom Götterkampf zum Völkerkampf umgeprägt worden. [5] Zugleich wurde aber anders als in kanaanäischen Parallelen der personale Bezug des Königtums Gottes auf den Einzelnen und das Volk bewahrt (Ps 5, 3 EUPs 84, 4 EUPs 103, 1f.19 EUPs 145, 1 EUJes 33, 22 EU).

In Texten, die nach dem babylonischen Exil entstanden sind, wird die Königsherrschaft Gottes immer mehr von einer gegenwärtigen Zustandsbeschreibung zur Zukunftsverheißung: so besonders bei Deuterojesaja (z. B. Jes 52, 7 EU), in der kleinen Apokalypse (Jes 33 EU), in der Jesaja-Apokalypse (Jes 24 EU–27 EU) sowie in mehreren außerkanonischen Texten der apokalyptischen Tradition des Judentums.

Neues Testament

Im NT erscheint der Begriff βασιλεία τοῦ Θεοῦ (basileia tou theou, Reich Gottes) an 122 Stellen, davon allein 99 mal in den synoptischen Evangelien und einmal im Johannesevangelium.[6]Im Matthäusevangelium wird er ersetzt durch das gleichbedeutende βασιλεία τῶν ουρανῶν (basileia ton ouranon, Himmelreich).

Verkündigung Jesu

Im Neuen Testament (NT) beginnt Jesus im Anschluss an Johannes den Täufer sein öffentliches Auftreten mit der Botschaft (Mk 1, 15f EU):

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“

In präsentischen Zusagen dieses Reiches für die Armen und Gewalt Erleidenden (Mt 5, 3-9 EU) und in Jesu eigenem heilvollen Handeln (Lk 11, 20 EU) beginne sich dieses Reich auf Erden bereits zu verwirklichen. Nach Lk 17, 20f EU ist es „mitten unter euch“, könne aber nicht „hier“ oder „dort“ oder an „äußeren Zeichen“ erkannt werden. Im apokryphenThomasevangelium heißt es in Logion 113:

„Sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

In den Äußerungen Jesu besteht eine Spannung zwischen einer auf die Zukunft bezogenen Erwartung der Gottesherrschaft und einer „sich realisierenden Eschatologie“ (Werner Georg Kümmel). Letztere betont – auch in der ethischen Tradition jüdischer Apokalyptik – spirituelle Unterscheidung und moralische Verantwortung besonders für die Ausgegrenzten, da die Zeit dafür reif sei. Auf jeden Fall dachte Jesus praxisbezogen, ihm lag eine Jenseits-Vertröstung fern. Er träumte nicht von einer anderen Welt der Ideen und dachte „mehr wie Aristoteles als wiePlato“.[7]

Jesus war kein „systematischer Theologe“. Es ist menschlich verständlich, dass er zu manchen Zeiten annahm, einige seiner Anhänger würden noch zu Lebzeiten das Reich Gottes in voller „dynamischer Kraft“ erleben (Mk 9, 1 EU), zu anderen betonte, nur Gott wisse den Zeitpunkt (Mk 13, 32 EU).[8]

In dieser Form wohl nicht authentisch ist jedoch die Bekräftigung Jesu am Vorabend seines Todes, dass es noch ausstehe und erst mit seiner Wiederkunft endgültig da sein werde (Mk 14, 25 EU).

Joh 3,1-8 EU nennt als Bedingung für das Sehen des Reiches Gottes, man müsse zuvor „aus dem Geist […] von neuem geboren werden“.

Christentumsgeschichte

Patristik

Augustinus von Hippo (354—430 n. Chr.) schrieb in seinem berühmten Werk Der Gottesstaat: „Die jetzige Kirche auf Erden ist sowohl das Königreich Christi als auch das Königreich der Himmel.“ Damit beschrieb er die Kirche nicht nur als Abbild, sondern Teil dieses Reiches, wenn auch durchmischt (corpus mixtum) mit der die Welt beherrschenden Macht des Bösen.

Mittelalterliche Mystik

Meister Eckhart fasst die „Nähe“ des Reiches Gottes nicht zeitlich auf. Der Mensch erkenne durch die von Jesus geforderte Umkehr (Metanoia) von außen nach innen (Lk 17,20) das Reich Gottes „in“ sich:

„Gott ist mir näher, als ich mir selber bin […] In welcher Seele „Gottes Reich“ sichtbar wird und welche „Gottes Reich“ als ihr „nahe“ erkennt, der braucht man nicht zu predigen noch Belehrung zu geben: sie wird dadurch belehrt und des ewigen Lebens versichert. Wer weiß und erkennt, wie „nahe“ ihm „Gottes Reich“ ist, der kann mit Jakob sagen: „Gott ist an dieser Stätte und ich wußte es nicht“ (1Mos. 28, 16); nun aber weiß ich´s.“

– Meister Eckhart, Predigt 36 [9]

Johannes Tauler verweist in seinen Predigten mehrfach darauf, dass das Reich Gottes “ … in dem innersten, allerverborgensten, tiefsten Grund der Seele ruhe …“[10] und dies sei von Jesus im Lukasevangelium gemeint mit den Worten: Das Reich Gottes ist in euch (Lk 17,21).[11] „Nehmt des Grundes in euch wahr, sucht das Reich Gottes und allein seine Gerechtigkeit; das heißt: suchet Gott allein, er ist das wahre Reich.“[12]

> Quelle.
foto: giveawayboy,flickr.com. >
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