Wut auf die Figuren am Weihnachtsbaum

Lisa konnte es vor ihren geschlossenen Augen sehen und sich nicht gegen dieses innerliche Bild wehren.

„Sie alleine auf dem Marktplatz. Oben auf dem Balkon des Rathauses viele Zuschauer, die sehen wollten, was sie macht. Und eigentlich gar nicht logisch, um sie herum zwei Schnellstraßen, auf denen Autos beängstigend nahe an ihr vorbeirasten. Ihr einziger Schutz vor den Blicken der Leute und den Autos war ein Weihnachtsbaum, den sie liebevoll mit kleinen Kugeln und Figuren geschmückt hatte. Figuren, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte.“

In dieses Bild mischte sich in der Phantasie Lisas ein weiteres Bild. Doch dieses war nicht so stark wie das Erste.

Sie im Sommer im Garten mit ihren Eltern am Tisch, Lachen, der Hund träge in einer Ecke liegend. Ein Gefühl von Wärme und Dazugehören, von Geborgensein und Heiterkeit.“

Tränen liefen Lisa beim Gedanken an diese längst vergangenen Erlebnisse über die Wangen. Wie war nur all diese Traurigkeit und Schutzlosigkeit in ihr Leben gekommen? – Jetzt vor Weihnachten tat es besonders weh, wenn andere scheinbar so erwartungsvoll und vergnügt waren. Das Leben war für Lisa zu schnell geworden. Genauso wie die vorbeirasenden Autos waren ihr all die Anforderungen an sie zu viel und zu schnell geworden. Sie sehnte sich zurück in die Langsamkeit des Gartenidylls.

Aber je schneller das Leben wurde, desto schlechter konnte sie nachts einschlafen. Genauso wie gerade. Wo sie doch alle Stärke nötig hatte. Nur wie ohne die notwendige innerliche Ruhe. – Ja, sie schämte sich. Sie schämte sich vor den Blicken der Leute. Sie hatte doch einmal eine starke Frau sein wollen. Jemand, der für seine Stärke bewundert wird. Jetzt kam sie sich eher lächerlich vor. Wie hatte es nur so weit kommen können.

Wie schön das doch gewesen war, als sie das erste Mal mit Freunden alleine in den Urlaub gefahren war, das erste eigene Auto, die erfolgreiche Berufsausbildung. Damals schien das Leben noch offen zu stehen. Doch jetzt waren all diese Erfolgserlebnisse nur noch wie die Figuren auf dem Weihnachtsbaum in ihrem innerlichen Bild. – Schlafen, zur Ruhe kommen, zuhause sein. Das war ihr tiefster Wunsch. Aber um neue Erfolge zu haben, wie damals bei der Führerscheinprüfung, musste sie stark sein und etwas für den Erfolg leisten. Aber gleichzeitig wollte sie gar nichts mehr leisten müssen. Was sollte sie nur tun? Was tun? – Einfach aufzugeben schien viel verlockernder zu sein. Warum immer neue Figuren für ihren Weihnachtsbaum sammeln. Einem Baum, der sie doch nicht beschützen und ihr die Blicke vom Leibe halten würde.

Wütend warf Lisa in ihren Gedanken den Weihnachtsbaum gegen das nächste vorbeikommende Auto. Schlafen, das wäre jetzt die Lösung. Einfach loslassen und einschlafen. Doch sie konnte nicht einschlafen. Sie fühlte sich wie eine Fremde in ihrer eigenen Wohnung. Wie ein Obdachloser mit einer Wohnung.

Sie musste jetzt an die Erlebnisse heute im Büro denken. Wie sich ein Kollege lustig über sie gemacht hatte, an den Berg von Arbeit, der noch auf dem Schreibtisch lag. Wie sollte sie nur den morgigen Tag überstehen. Übermüdet und dann dieser Stapel an unerledigten Aufgaben.

Das Morgen war genau ihr Problem. Morgen würde sie abends ihrem Ex-Mann begegnen müssen. Eigentlich sehnte sie sich immer noch nach seiner Anerkennung, obwohl sie ihn hasste.

Ihr Hass machte es ihr leichter, an die schönen gemeinsamen Weihnachtsfeste zu denken, die sie zusammen verbracht hatten. Feierliche Fröhlichkeit, vielleicht manchmal etwas gesteltzt, wie sie elegant den Tisch gedeckt hatte, er mit seiner Weihnachtskrawatte und der besondere Rotwein zum Essen. Aber damals hatten die Figuren am Weihnachtsbaum nicht so schal gewirkt wie heute in ihrer Phantasie. Damals hatten sie eine Bedeutung gehabt, weil ein Mensch da war, mit dem sie dies teilen konnte. Das Funkeln der Weihnachtslichter am Baum. Jetzt waren es nur noch kalte Neonlichter. Ja, wenn sie ganz ehrlich war, sie wollte einfach nur ganz fest in den Arm genommen werden. Gehalten werden.

Doch wo sollte sie nur diesen Halt herbekommen. Sehnsucht stieg in Lisa auf. Ihre Seele war so offen vor Sehnsucht, wie der Marktplatz auf dem sie innerlich mit ihrem kleinen Weihnachtsbaum alleine stand.

Sie wusste, dass sie jetzt schnell ihren Gedanken Einhalt gebieten musste. Ansonsten würden ihre Gedanken sie auffressen. Und sie wusste aber auch, dass sie sich gar nicht disziplinieren wollte.

Sie wusste, wie sie das früher getan hatte. Wie sie immer Ordnung in ihre Gedanken bringen konnte. Doch jetzt wollte sie es nicht. Wieso sollte sie sich jetzt helfen lassen, wo sie doch so alleine war. – Vielleicht könnte sie es einfach nur mal probieren, ob es noch immer hilft. Ihr kleiner Trick.

Erschöpft stieg Lisa aus ihrem Bett, hin zum Bücherregal, wo ihr Tagebuch stand. Dort holte sie die Postkarte heraus, die sie schon so oft getröstet hatte.

Schon beim ersten Blick auf die Karte fühlte sie sich besser. Das Bild im Garten, damals mit den Eltern, gewann in ihrer Phantasie langsam wieder die Oberhand. Diese Karte hatte ihr Vater ihr damals geschenkt und gesagt:

„Liebe Lisa, wenn du dich einmal traurig fühlst, dann schau dir diese Karte an und denke daran, dass dein Vater dich immer lieb haben wird. Lies dann, was ich dir hinten auf die Karte geschrieben habe“:

Der Herr der Heerscharen ist mit unsder Gott Jakobs ist unsere sichere Burg.-Psalm 46,12-

Gott ist ein starker Turm für uns Menschen.
Er ist ein Zufluchtsort und ER will es auch für uns sein.
Wir Menschen wissen das nicht immer.
Es gibt wohl Augenblicke im Leben, in denen sich jeder Mensch mal hilflos und ausgeliefert fühlt. Aber im Lauf des Alltagslebens ist es vielen nicht gegenwärtig, dass es tief im Inneren ein Leben gibt, welches eine ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit, Schutz und Annahme hat.
Ich spreche von der Seele des Menschen.

Im Psalm 42 beruhigt David seine Seele und spricht zu ihr:
Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meine Rettung und mein Gott ist!

In manchen Sprachen wird ein und daselbe Wort für Seele und Leben verwendet.

Die Seele im Menschen hat Bedürfnisse.
Sie will nicht übersehen oder übergangen werden.
Aber der Mensch ist so oft nach außen gerichtet. Er fragt nicht danach, wie es seinem Leben im Inneren geht.
Dabei machen die äußeren Umstände keinen Unterschied. Es kann gut oder schlecht laufen im Leben. Wir können erfolgreich oder weniger erfolgreich sein.
Irgendwann im Leben verlieren wir unseren Sinn für unsere tiefsten Bedürfnisse.
Wir übergehen unseren Wegweiser, unsere Kursbestimmung durch Aktivitäten und Erwartungsdruck.
Es ist dann auch ein schleichender Prozess, dass unsere Seele sich mehr und mehr zurück zieht.
Sie betrübt sich.
Aber wirklich schweigen kann sie nicht. Nein, sie meldet sich zu Wort.
Manchmal schreit sie und ruft „AUA“.
Wir sprechen es dann auch aus und sagen vielleicht:
„Das tut mir weh!“
Wir finden, meist, einen provisorischen Weg, mit dem Schmerz umzugehen.
Es gibt x-Möglichkeiten auf ein lautes Melden der Seele zu reagieren.
Aber es gibt auch stille Rufe der Seele:

„Ich fühle mich einsam..“ „Wohin gehöre ich?“ „Warum hört mich denn niemand?“
„Bin ich nicht wichtig?“ „Erlaube mir, das Leben in dir zu sein“ „Ich habe Angst“

Das sind solche Äußerungen der Seele, die uns lenken wollen.
Aber sie sind zu leise, als das wir sie ernst nehmen, oder uns damit auseinander setzen.
So viele andere Dinge erscheinen uns viel entscheidender zu sein.
Außerdem sind wir so sehr damit beschäftigt, diese Stimme in uns zum schweigen zu bringen.
Aber meistens, so empfinde ich das, meistens tun wir unserem Leben Gewalt an.

Weißt du, dass Du Schutz brauchst?
Hast du deiner Seele mal erlaubt sich zu melden?
Hatte sie den Raum, gehört zu werden?

Wie hast du auf sie reagiert?
Pflegst du sie?
Darf das Leben in dir Leben?

Deine Seele in dir in ein zartes Pflänzlein.

Und sie braucht Schutz.
Und sie sucht ihre Heimat. Einen Ort an dem sie ihre Wurzeln ausbreiten kann.
Den Ort der Ruhe. Ein Wort des Trostes.
Sie will behütet sein und sich gut fühlen.

Hast du deiner Seele mal gut zu geredet?
Hast du ihr gesagt, das Gott dein starker Turm ist?
Kennt sie ihr wahres Zuhause?
Weiß sie, warum sie sich nicht fürchten muss?

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. -Psalm 139,4-

Der wunderbare, gigantisch große Gott umgibt dich.
Er ist dein Zufluchtsort.
Lass es deine auch Seele wissen.
Sie wird ruhig werden, wenn sie das weiß.

Es gibt selten die schnellen Veränderungen. Die meisten Dinge sind verbunden mit einem Wachstumsprozess.
So, wie das zarte Pflänzchen ‚Leben‘ sich entfaltet und in dir wächst.
Das Leben in dir, lernt zu leben.
Es lernt zu vertrauen.
Es lernt sein Zuhause kennen.

Und wenn du wiedergeboren bist, dann hast du ein neues Leben empfangen.
Dann hast du einen neuen Geist.
Dann ist da etwas, was in dein Leben hineingekommen ist.
Das göttliche Leben ‚Zoe‘, das sich auch mehr und mehr ausbreitet in dir und dir verständlich macht wer du bist, und wer Gott ist.

Er ist Dein Herr der Heerscharen.
Ein Gott des Krieges gegen alle deine Feinde.

Und Er ist deine Festung.
Er ist dein Adonai Zewaoth.

Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsere sichere Burg!

Dein Leben in dir weiß das vielleicht nicht.
Es will beachtet werden und es braucht so vieles, um gesund leben zu können.
Gott hat alles gegeben was du dazu brauchst.

Alles Gute dir!

—-

Bei den letzten Worten der Postkarte merkte Lisa, wie sie immer müder wurde.

Sanft schlief sie ein. – Ende

Wer würde gerne in Cafe Community den Brief schreiben, den Lisa ihrem Vater in den nächsten Tagen nach dem Treffen mit dem Ex-Mann schrieb.

Günther, Teil 1 Gedanken beim Einschlafen

Stella, Teil 2 – Die Vorder- und Rückseite der Postkarte

www.inunsererstrasse.de

Titelbild: Didi01, http://www.pixelio.de

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, müssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.