Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!

„Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ (Mt 15,22), ruft die kanaanäische Frau Jesus zu und bittet um Heilung für ihre kranke Tochter. So lesen wir im Evangelium dieses Sonntags. Diese einfache und doch tiefe Bitte, die in dieser Form noch öfter in der Bibel bezeugt ist (vgl. Mk 10,47; Lk 17,13), hat eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet. Die Bitte um Erbarmen verbunden mit der Anrufung des Namens Jesu ist erstmal für das 6. Jahrhundert schriftlich als Gebetsformel bezeugt, wurde aber wohl schon früher geübt. Noch heute ist diese Gebetsformel in Brauch, im sogenannten Jesusgebet. Die konkrete Formulierung kann varriieren: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ oder auch „Herr Jesus Christus, sohn Gottes, hab erbarmen mit mir Sünder.“ Einige Beter lassen auch die Bitte um Erbarmen weg und benutzen als Gebetsformel „Jesus Christus“, „Herr Jesus“ oder „Jesus“.

Tradition hat das Jesusgebet vor allem in der Ostkirche. Seit Jahren erfreut es sich aber auch bei uns im Westen über Konfessionsgrenzen hinweg Beliebtheit. Den meisten Menschen werden wohl durch das Buch Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers (hrsg. v. Emmanuel Jungclaussen, Freiburg i. Br. 12. Aufl. 2005), auf das Jesusgebet aufmerksam. Ein Pilger hört in einem Gottesdienst eine Lesung aus dem Ersten Thessalonicherbrief: „Betet ohne Unterlass!“ (5,17). Innerlichen ergriffen von diesem Bibelvers beginnt er mit seiner Suche, wie er diese Mahnung erfüllen können. Nach einiger Zeit der Wanderschaft begegnet ihm ein Einsiedler, der ihn in Jesusgebet einführt mit den Worten: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht. […] Beim Atmen sprich, leise die Lippen bewegend oder nur im Geiste: ‚Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.‘ Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben.“ (Ebd., S. 31.)

Dies ist eine Art, das Jesusgebet zu üben, die förmliche. Der Beter reserviert dazu tägliche eine bestimmte Zeitspanne, anfangs etwa fünf bis fünfzehn Minuten, nach einiger Zeit der Praxis auch zwanzig bis dreißig. Um einen einheitlichen Gebetsrhythmus beizubehalten, kann eine geschlossene Knotenschnur mit meist 33 oder 100 Knoten, ein sogenannter Komboskini, verwendet werden.

Diese förmliche Art ist Grundlage, die in der freien Art über den ganzen Tag hinweg ausgedehnt wird. Die freie Art besteht darin, das Jesusgebet zu jeder Zeit und in allen Situationen im Geiste zu verrichten. Dadurch wird auch im Alltag stets eine Verbindung zu Gott aufrechterhalten, die jegliches Tun im Namen des Herrn und unter seinem Schutz ausführt. Dadurch soll der Alltag geheilgt werden. Nicht selten löst das Jesusgebet bei einem Beter, der getreu an der Anrufung des Namens Jesu festhält, einen Umwandlungsprozess aus, der sein ganzes Leben erfasst.

Hat das Gebet den ganzen Menschen erfasst, kann der Beter durch Gottes Gnade soweit gelangen, dass er gleichsam lebendiges Gebet wird. Ziel des Jesusgebets ist die Umgestaltung des Menschen nach dem Bild Christi und die Vereinigung mit dem Vater in der Nachfolge Jesu.

Bild: secretgarden – Photocase.de

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