Lectio divina – Die Bibel betend lesen

Mitte des 12. Jahrhundertes in der Großen Kartause in Frankreich. Ein Mönch, Guigo der Kartäuser († 1193), ist in seiner Klosterzelle mit Handarbeit beschäftigt und denkt dabei über die in den Klöstern alt hergebrachte Art des privaten Betens nach: über die sogenannte lectio divina. „Leiter der Mönche zu Gott“ nennt er diese Gebetsmethode und ihm kommen vier Stufen in den Sinn, aus denen diese Leiter besteht: 1. Lesung, 2. Meditation, 3. Gebet und 4. Kontemplation.

Seine Gedanken über die lectio divina schreibt Guigo in einem Brief an seinen Mitbruder Gervasius von der Kartause Mont-Dieu und bittet ihn, seine Überlegungen zu beurteilen und zu verbessern. Diese unter dem Namen Scala claustralium bekannt gewordene Schrift gilt heute als die grundlegende Anleitung zur lectio divina.

Bereits die ersten christlichen Mönche übten die lectio divina. Über Jahrhunderte hinweg war sie die Methode privaten Gebets der Mönche und Nonnen schlechthin. Nicht zuletzt angeregt durch die Betonung der Bedeutung der Bibel für das Glaubensleben durch das Zweite Vatikanische Konzil haben in jüngerer Zeit auch viele Christen außerhalb der Klöster die lectio divina für sich entdeckt. Können wir heute von dieser alten monastischen Art, die Bibel betend zu lesen, noch etwas lernen?

Die frühen christlichen Mönche hatten eine besonders enge Beziehung zu den heiligen Schriften. In ihnen sahen sie Christus selbst gegenwärtig. So wollten sie Gottes Wort nicht nur rein verstandesmäßig erfassen, sondern es auch leben. Auch für unser geistliches Leben heute ist es zwifellos eine Bereicherung, wenn wir das Wort Gottes wieder stärker in den Mittelpunkt unserer Spiritualität stellen.

Wie funktioniert nun die Gebetsmethode der lectio divina? Die ersten christlichen Mönche gingen so vor, dass sie einfach anfingen, die Bibel zu lesen – schlicht von vorn und dann der Reihe nach weiter. Das ist die erste Stufe, die Lesung. Zugegeben: die Bibel einfach der Reihe nach zu lesen, kann etwas trocken werden. Wer sich beispielsweise einige Zeit durch die langen Listen des Buches Numeri quälen muss, geht schnell Gefahr, gleichsam zusammen mit den Israeliten im Wüstensand stecken zu bleiben. Daher kann der Beter sich auch einen Leseplan aufstellen. Einen solchen Leseplan bietet beispielsweise die Internetseite von Pfarrer Jakob Stehle oder Die Jahresbibel der Deutschen Bibelgesellschaft.

Sprach die Mönche bei der Lesung ein Vers besonders an, begannen sie, ihn immer wieder und wieder zu wiederholen. Die monastische Tradition nennt das ruminatio – wiederkäuen. Guigo vergleicht das Wort Gottes mit einer Speise. Bei der Lesung hat sie den Appetit des Beters angeregt. Auf der zweiten Stufe, der Meditation, nimmt der Beter diese Speise gleichsam in dem Mund und zerkleinert und zerkaut sie. Meditation meint hier keinen rein verstandesmäßigen Vorgang, lectio divina ist Gebet keine Wissenschaft, sondern ein Auf-sich-Wirken-lassen und Sich-Ergreifen-lassen. Natürlich wird der Verstand dazu nicht völlig ausgeschaltet, aber lectio divina ist mehr als rationales Verstehen. Sie ist intuitives Erfassen und Gewahren.

Das Wort Gottes ist Anrede Gottes an uns. In der Lesung spricht Gott zu uns und in der Meditation denken wir über sein Wort nach. Die dritte Stufe, das Gebet, ist unsere Antwort an Gott. Nicht nur Bitte und Dank haben hier ihren Platz, sondern auch das Ringen mit Gott, Klage und sogar Anklage. Eine Anleitung oder Methode kann für diese Stufe nicht gegeben werden. Der Beter trägt seine innersten Gedanken und Gefühle vor Gott. Wichtig sind dabei nicht viele und gewählte Worte, wichtig ist es, das Herz aufrichtig zu Gott zu erheben.

Erfahrungsgemäß werden die Worte mit der Zeit weniger und das bewusste wortlose Verweilen vor Gott tritt in den Mittelpunkt. Damit ist die oberste Stufe der „Leiter der Mönche zu Gott“ erreicht: die Kontemplation, die Vereinigung mit Gott.

Literaturempfehlung:
Guigo der Kartäuser: Scala Claustralium – Die Leiter der Mönche zu Gott. Eine Hinführung zur Lectio divina. Übersetzt und eingeleitet von Daniel Tibi. Verlag Traugott Bautz. Nordhausen 2008. ISBN 978-3-88309-455-7

Von Daniel Tibi

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. rotegraefin sagt:

    Na und? das ist wirklich nichts Neues.

    Nur um mit Nitsche zu sprechen: „Die Christen müssten erlöster aussehen.

    Wie wäre es mal mit dem Buch von Fynn: „Hallo Mister Gott hier spricht Anna“

    Da steht alles drin und ist nicht so kompliziert.

  2. sp sagt:

    erinnert mich an Jim Golls Buch, eines meiner Lieblingsbücher, Gott in tiefer Weise begegen – Verschwende dein Leben für Jesus, wo viele dieser Traditionen im charismatischen Bereich aufgenommen werden.

  3. theolounge sagt:

    Ich finde den Artikel auch ziemlich gut.

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