Der schwule Bischof ist schuld – Gene Robinson als Sündenbock

Der traditionalistische Flügel der anglikanischen Weltgemeinschaft hat prophylaktisch schon mal den Schuldigen identifiziert, falls der Konflikt unter den anglikanischen Kirchen auf der Lambeth-Konferenz nicht ausgeräumt wird oder vielleicht sogar noch eskaliert: Gene Robinson, Bischof der Diözese New Hampshire und bekennender homosexueller Christ.

Der Primas der anglikanischen Kirche im Sudan, Erzbischof Daniel Deng Bul, forderte Robinson zum sofortigen Rücktritt auf. Wenn er das tue, sei die Krise behoben.

Für die sudanesischen Bischöfe – die mit der Ordination von Frauen in den priesterlichen und bischöflichen Dienst im Gegensatz zu anderen Traditionalisten übrigens kein Problem haben, sondern diese als im Einklang mit Bibel und Tradition betrachten – werde durch einen homosexuellen Bischof das Zeugnis der Kirche in Afrika empfindlich in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere gegenüber der islamischen Welt werden so die Position der anglikanischen Kirche geschwächt und radikale Muslime sähen darin sogar einen Anlaß, Christen zu töten.

Dieses Argument wiegt meines Erachtens schwer und kann nicht einfach beiseite geschoben werden. Allerdings finde ich, dass damit natürlich ein eher grundsätzliches Problem fundamentalistisch-fanatischer Glaubensauffassungen angesprochen wird, deren Anhänger die Ansicht vertreten, ihre Wahrheiten müssten mit Gewalt und Mord durchgesetzt werden.

Zudem erscheint mir die Argumentation der Traditionalisten nicht ganz schlüssig:

  • Zum einen ist Gene Robinson Bischof in New Hampshire, USA, und nicht Bischof in einer der Diözesen im Sudan; und die sudanesische anglikanische Kirche spricht sich ja grundsätzlich gegen Homosexualität aus – was auch die Moslems wissen dürften.
  • Zum zweiten müsste man auch überlegen, ob man das Zeugnis der Kirche eher in Mitleidenschaft zieht, wenn man Geächtete einer Gesellschaft ebenfalls ächtet, oder ob man sich nicht eher, auch um des christlichen Zeugnisses willen, auf die Seite der Geächteten stellen müsste (oder, wie es Dietrich Bonhoeffer ausdrückte: „Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht gregorianisch singen.“)

Wenn ich so argumentieren würde, wie es der sudanesische Erzbischof tut, müsste ich mir die Frage stellen, ob ich mich nicht in der Nähe derer bewege, die hier in Deutschland nicht entschieden gegen Rechtsextremismus und Faschismus auftreten (bzw. in unserer Geschichte nicht dagegen aufgetreten sind), weil sie damit rechnen mussten (manchmal auch heute noch müssen), dafür mit ihrem Leben zu bezahlen. Ich kann diese Sorge und diese Angst verstehen, und es wäre nur arrogant von mir, wenn ich behaupten würde, dass ich die Traute (gehabt) hätte, die ein Dietrich Bonhoeffer oder eine Sophie Scholl an den Tag gelegt haben. – Wahrhaft und glaubwürdig Zeugnis vom Christentum haben nach meiner Überzeugung allerdings Bonhoeffer und Scholl wesentlich mehr abgelegt, als die vielen christlichen Mitläufer des Nazi-Regimes, die es auch gegeben hat.

Vielleicht sollte sich dies auch der römisch-katholische Kurienkardinal Ivan Dias mal überlegen, der in einer Rede vor der Lambeth-Konferenz deutlich machte, dass diejenigen, die kurzsichtig nur in der Gegenwart leben würden und die apostolische Tradition vergäßen unter „geistlichem Alzheimer“ leiden könnten. Radio Vatikan machte in einem Beitrag zu diesen Worten freundlicherweise darauf aufmerksam, dass sich die Worte des Kurienkardinals auf die Frauenordination und den Umgang mit Homosexualität in der Anglikanischen Kirche beziehen. – Ich glaube, die römisch-katholische Kirche braucht wie wohl nahezu alle Kirchen in Sachen Alzheimer nicht unbedingt auf andere zu verweisen: Wenn wir uns die christliche Geschichte seit Christi Tod und Auferstehung betrachten, haben wir nicht unbedingt Grund, sonderlich Stolz darauf zu sein, wie entschieden die Christinnen und Christen als Einzelne und als Kirchen durch die Jahrhunderte versucht haben, Gottes Heil auf diese Erde zu bringen – es war viel zu oft Un-Heil, was wir verbreitet und damit die apostolische Tradition und das Evangelium verraten haben. Wer das vergißt, der leidet wahrhaft unter „geistlichem Alzheimer“.

Umkehr ist notwendig. Immer wieder. Eine Rückbesinnung auf die Botschaft Jesu, auf die Aussagen des Evangeliums, auf den Sinn der Schrift: „Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“ (Lukas 10,25-37)

Weitere Infos zum Thema Lambeth-Konferenz:

Nachtrag: Ein Zwischenbericht zur Lambeth-Konferenz auf Deutschland-Radio, Sendung Tag für Tag, der sich genau mit diesem Konflikt beschäftigt: Lambeth-Konferenz – Zwischenbericht (Audio-File).

Foto: potter_photo – Quelle: www.flickr.de

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