Wie geht man mit dem „inneren Kritiker“ am besten um?

richterin_small_fotolia_7273660_xs.jpgVon Roland Kopp-Wichmann. In der Beschäftigung mit dem Schreiben meines ersten Buches wurde mir klar, warum ich erst relativ spät dazu komme, eines zu schreiben. Obwohl ich den Wunsch schon mindestens zwanzig Jahre mit mir herum trage. Die Antwort ist einfach: Mein „innerer Kritiker“ hatte dies bis dato erfolgreich verhindert.Wahrscheinlich haben Sie ja auch so einen inneren Anteil, der Sie laufend kritisiert. Egal was Sie erreicht haben im Leben oder wie gut Sie auf einem bestimmten Gebiet sind, der innere Kritiker hat immer etwas zu nörgeln. In meinem Fall mit dem Buch hörte sich das so an:

  • „Du hast doch überhaupt nichts Wesentliches mitzuteilen.“
  • „Über das Thema gibt es schon mehrere Bücher.“
  • „Jedes Jahr kommen hundert neue psychologische Ratgeber raus und da glaubst du, dass dein Buch …?
  • „Wann willst du das denn schreiben? Du hast ja jetzt schon zu wenig Zeit.“
  • „Wenn es seriös ist, liest es keiner. Ist es flach, verdirbt es dein Image.“
  • „Du wirst keinen Verlag finden.“
  • „Wenn du schon unbedingt was schreiben willst, dann schreibe wenigstens eine Doktorarbeit.“

Woran erkennen Sie Ihren inneren Kritiker?

Ja, so spricht er, mein Kritiker. Immer von der eigenen Meinung felsenfest überzeugt. Nein, der Kritiker äußert nicht seine Meinung. Er verkündet immer die Wahrheit.

Das Schlimme ist: Kritiker sind nie zufrieden. Sie haben immer etwas ausuzusetzen. Ich bin sicher, wenn ich die Doktorarbeit angefangen hätte, wäre er bei den ersten kleinen Schwierigkeiten wieder zur Stelle gewesen („Das schaffst du nie. Schreib lieber ein Selbsthilfebuch!“)

Woran erkennen Sie ihn nun ?

Vor allem an der Art der Kommunikation. Kritiker geben nur Erklärungen ab, die wie unumstößliche Wahrheiten gelten. Also ähnlich wie wenn der Papst über die Rolle der Frau oder über Empfängnisverhütung spricht.

Außerdem an Ihrer gefühlsmäßigen Reaktion. Nach einer Kritikerattacke fühlt man sich selten nachdenklich („Ist ja interessant.“). Sondern niedergeschlagen, unzufrieden, wütend auf sich selbst.

Worüber spricht Ihr innerer Kritiker?

Es gibt kein Feld, auf dem sich ein Kritiker nicht zu Wort melden kann. Denn Kritiker sind Experten auf jedem Gebiet.

  • Beruf und Karrieremann-am-schreibtisch-mit-arbeit-istock_000002518186x-verysmall.jpg
    „Du kannst deine Mitarbeiter nicht richtig motivieren.“
    „Andere Kollegen sind viel beliebter als du.“
    „Du bist zu wenig ehrgeizig/zu sehr ehrgeizig.“
    „Mit diesem Dialekt machst du nie Karriere.“
    „Du liest viel zu wenig Fachliteratur, um auf permanent auf dem Laufenden zu sein.“
    „Du liest zu viel Fachliteratur. Das ist doch alles nur theoretisches Wissen. Dir fehlt Praxis/Auslandserfahrung/der Doktortitel …“
    „Okay, du bist ziemlich erfolgreich. Aber du vernachlässigst deine Familie.“
    „Okay, Beruf und Privatleben kriegst du hin. Aber dein Körper ist in einem miserablen Zustand.“
    „Na schön, du bist Vorstand mit 32 Jahren geworden. In dem Alter war Bill Gates schon Millionär.“
  • Aussehen und Ausstrahlung
    Hier ist der innere Kritiker vor allem bei Frauen aktiv. Sein Lieblingsort dazu ist das Badezimmer oder die Umkleidekabine.
    „Du siehst schrecklich aus!“
    „Gott, bist du fett/aufgedunsen/mager/dürr/klapprig!“
    „Okay, dein Gesicht ist okay – solange niemand deine Cellulite sieht.“
    „Du bist zu klein/zu groß/zu durchschnittlich.“
    „Lächle nicht so breit, sonst sieht man dein Zahnfleisch.“
  • Beziehungen
    „Niemand mag dich wirklich.“
    „Er ist so nett, weil er Mitleid hat/mit dir ins Bett will …“
    „Wenn die Leute wüssten, wie du in Wirklichkeit bist.“
    „In Gesellschaft bis du immer so aufdringlich/zurückhaltend/vorlaut/schüchtern …“
    „Du bist wie deine Mutter – und du wirst auch genauso enden.“
    „Was sollen nur die Leute denken, wenn du dich so benimmst?“
    „Du musst dich mehr abgrenzen/dich mehr hingeben/auch mal loslassen.“
  • Ernährung und Gesundheit
    „Schrecklich, wie kann man Leichen essen.“ (wenn Sie Fleisch mögen)
    „Du bist so fürchterlich blass. Das kommt vom Eisenmangel.“ (wenn Sie vegetarisch essen)
    „Du kannst dich einfach nicht beherrschen/hast ein Suchtproblem.“ (wenn Sie Schokolade, Wein, Kaffee, Fastfood etc. mögen)
    „Du müsstest viel mehr für deine Ausdauer/Kraft/Beweglichkeit/Koordination tun.“
    „Diese Krankheit hast du durch dein negatives Denken angezogen.“
    „Viele erfolgreiche Menschen brauchen nur sechs Stunden Schlaf.“
  • Werte und Lebenssinn
    „Du hast überhaupt keine/die falschen/ Werte.“
    „Du solltest meditieren/einen spirituellen Weg einschlagen/dich mehr ins Leben stürzen.“
    „Karriere oder Kind – du musst entscheiden, was du willst.“
    „Du hast überhaupt kein Ziel im Leben/du willst alles im voraus planen.“
    „Denk dran, das letzte Hemd hat keine Taschen.“ (wenn es Ihnen finanziell sehr gut geht).

Wie entstehen innere Kritiker?

Man kann sich die Psyche vorstellen als ein System von Teilpersönlichkeiten. Diese inneren Anteile haben unterschiedliche Aufgaben, Stärken und Schwächen. Alle dienen dazu, das „innere Kind“, also das Kind, das wir einmal real waren und dass aber Zeit unseres Lebens in uns lebt, zu schützen.

Die Aufgabe des inneren Kritikers ist es, uns vor Kritik, Scham und Verletzung zu schützen. Seine Strategie dabei ist, uns selbst unbarmherzig zu kritisieren, damit uns keine Kritik von außen überraschen kann.

Natürlich haben die inneren Anteile auch etwas mit unseren Beziehungserfahrungen in der Kindheit zu tun. Sie sind also verinnerlichte Anteile von Erfahrungen, die wir mit unseren Eltern gemacht haben. Konkret kann man sagen:

Wenn Sie einen sehr kritischen Elternteil (Vater oder Mutter) gehabt haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie heute einen starken Kritiker in sich haben.
Zudem sind die inneren Kritiker von Frauen meist immer mächtiger und gnadenloser als die von Männern. Das hat wohl etwas mit dem jahrtausendealten patriarchalischen Denken in uns zu tun.

Innere Kritiker, so beißend ihre Kritik auch sein mag, wollen also eigentlich etwas Gutes für uns. Insofern halte ich auch nichts von Ansätzen, diesen Teil in sich zu besiegen oder zu bekämpfen (wie gerade in diesem aktuellen Zeitschriftenartikel empfohlen wird). Gegen innere Anteile kann man nicht gewinnen. In der Psyche hat alles seinen Sinn und seine Funktion. Kein Teil ist gut oder böse.

Wie kann man nun mit dem inneren Kritiker besser umgehen?

Die Auseinandersetzung mit diesem Anteil ist nicht einfach. Der Kritiker ist hochintelligent, kennt alle Ihre Schwächen und hat keine Skrupel, sie Ihnen „im Dienst der Wahrheit“ unter die Nase zu reiben. Wenn Sie also diesen Beitrag lesen und sich entschließen, ihrem Kritiker die Stirn zu bieten, könnte es sein, dass er sich sofort meldet mit Bemerkungen wie:

  • „Na, hast du beim Surfen wieder was gefunden und glaubst jetzt, die Lösung für all deine Probleme gefunden zu haben?“
  • „Blödes Psychogeschwafel von innerem Kritiker. Du kannst einfach die Wahrheit über dich nicht vertragen.“
  • „Anstatt hier deine Zeit zu vertun, solltest du lieber deine Steuererklärung machen/dich um deine Beziehung kümmern/die Küche aufräumen.“

Sollten sie jetzt immer noch weiter lesen, hier also meine Empfehlungen.

  1. Der wichtigste Schritt ist die Desidentifikation.
    Weil Sie diese Stimme ein Leben lang gehört haben, denken Sie vermutlich, dass das Sie sind. Dass es die Wahrheit über Sie ist, was Ihr Kritiker Ihnen immer zuraunt.
    Hilfreich dazu ist es, sich bewusst zu machen, wann er/sie spricht.
    Vielleicht wollen Sie in einem Tagebuch festhalten, was Ihnen Kritisches den Tag über durch den Kopf geht. Oder Sie wollen mal festhalten, was Sie alles an sich nicht leiden können, ablehnen und verurteilen. Denn die Dinge, mit denen Sie bei sich unzufrieden sind, spiegeln die Urteile Ihres Kritikers wider.
  2. Vergleichen Sie die Kritikersprüche mit anderen.
    Wenn Sie Ihre Beine zu dick finden und sich deswegen nicht als liebenswert empfinden, fragen Sie Ihre beste Freundin, Ihren Partner etc. und hören Sie, was die dazu meinen. Wenn die anderer Meinung sind und Sie merken, dass Ihr Kritiker Sie warnt „Die wollen dich nur schonen!“ glauben Sie den anderen – und lösen Sie sich von der Macht Ihres Kritikers.
  3. Geben Sie Ihrem Kritiker eine Gestalt.
    Gegen Gedanken kann man schlecht ankämpfen. Finden Sie heraus, ob Ihr Kritiker weiblich oder männlich ist. Und wie alt? Welchen Gesichtsausdruck hat er? Wie klingt seine Stimme? Geben Sie ihm ein Äußeres. Finden Sie einen passenden Namen für ihn („ewiger Nörgler“, „kritische Zicke“ usw.)
  4. Hören Sie sich die Kritiker anderer an.
    Wenn Sie BUNTE, GALA oder ein anderes Lifestylemagazin lesen, können Sie sehen, dass Sie nicht allein sind. Selbst die schönsten Frauen haben etwas an ihrem Kinn, den Haaren, den Ellbogen oder ihren Knien auszusetzen. Fragen Sie Ihren Freund oder Ihre beste Freundin und interviewen Sie den anderen über seinen Kritiker.
    Dabei gibt es einen Unterschied. Der Kritiker von Männern bewertet mehr die Leistung (im Beruf und im Bett). Der Kritiker von Frauen mehr das Aussehen und die sozialen Beziehungen.
    Zu hören, was andere Kritiker so zum Besten geben – und wie Sie diesen Punkt bei Ihrem Freund/Freundin bewerten, wird Ihnen helfen, die Wichtigkeit von Kritikern zu überdenken.
  5. Welche Menschen lösen Kritiker-Attacken in Ihnen aus?
    Der Kritiker ist zwar ein Teil von Ihnen, aber er kooperiert heute mit realen Menschen. Finden Sie heraus, wer diese Menschen sind. Ihr Chef/Kollege/Partner/Kunde etc. Wenn diese sagen: „In Ihrer Berechnung ist ein Fehler!“ und Sie hören innerlich eine Stimme „Typisch, schon in der Schule war Rechnen dein schwächstes Fach!“ werden Sie hellhörig und identifizieren Sie Ihren Kritiker.
  6. Übernehmen Sie wieder selbst die Regie!
    Desidentifikation heißt, dass Sie sich, Ihr Selbst, Ihr Erwachsenen-Ich (wie immer Sie es auch nennen mögen) auf den inneren Regiestuhl setzen. Und den – meist ungebetenen – Beitrag Ihres Kritikers betrachten, als wären Sie die Chefin/der Chef und ein beauftragter Berater würde Sie vor allen möglichen Gefahren warnen wollen. („Vielen Dank für Ihre Ansicht, aber ich sehe das anders.“)
    Vergessen Sie nicht, der Kritiker wollte Sie als Kind vor Kritik, Verletzung und Scham schützen. Damals war das notwendig und angemessen. Mittlerweile sind Sie erwachsen und können selbst für sich entscheiden, was richtig ist und was nicht.

Ich weiß, die hier gezeigte Vorgehensweise ist nicht leicht. Sie erfordert große Wachsamkeit gegenüber den inneren Anteilen und ein prüfendes Abwägen. Denn zuweilen sagt der Kritiker auch etwas Richtiges. Nur in seiner gnadenlosen Bewertung schießt er meist über das Ziel hinaus.

Ein gutes Buch zur Unterstützung ist dieses hier: Du bist richtig

PS: Mein innerer Kritiker meint übrigens zu diesem Artikel:
„Wieder eine von deinen Psycho-Theorien.
Ganz nett, aber weißt du eigentlich, wieviel Artikel es im Internet zu diesem Thema schon längst gibt?“

Und wie geht es Ihnen mit Ihrem Kritiker?

Was sind seine Lieblingssprüche?
Worin ist er/sie Experte?
Und wie weisen Sie ihn in die Schranken?

Schreiben Sie doch hier Ihre Erfahrungen als Kommentar.

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Hier ist unser >Logo!

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was gut ist:
mit einer
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Fotos im Artikel:
© broker – Fotolia.com

4 Comments

  1. Klingt ein wenig nach Friedemann Schulz von Thun. Wenn es darum gehen soll, mit diesem Kritiker umgehen zu lernen empfehle ich, sich mit gewaltfreier Kommunikation zu beschäftigen, genauer mit Marshall Rosenberg.

    Lg Christian

  2. Für mich als Laien auf dem Gebiet der Psychologie und zur Zeit innerlich sehr Zerissenen war dieser Artikel eine echte Hilfe. Vor allem die Erkenntnis, dass der innere Kritiker seine Funktion darin hat, mich zu schützen und nicht, mich niederzumachen, ließ ihn auf Augenhöhe schrumpfen und mich mit ihm anfreunden.

  3. Toller Beitrag. Sehr gut umgesetzt und hilfreich.

    Als Psychologe liegt mir das Thema sehr am Herzen. In meiner 30-jährigen Berufserfahrung habe ich nämlich festgestellt, dass der innere Kritiker und das damit verbundene geringe Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen eine der Hauptursachen für fast alle seelischen Probleme ist.

    Deshalb habe ich diesem Thema ein Buch gewidmet, das erklärt, woher der Kritiker kommt und wie man ihn zähmen kann.

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