Verliert Kirche Anschluss an Jugend?

Gestern wurde unter dem Titel „Wie ticken Jugendliche. SINUS-Milieustudie U27“ eine vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und Misereor gemeinsam beauftragte Studie des Sinus-Institutes vorgestellt worden. Jugendliche zwischen 14 und 27 wurden darin auf ihre Werte und Lebensstile abgeklopft.

Ergebnis: Ein großer Teil der Jugendlichen, insbesondere diejenigen, welche die avantgardistischen Leitmilieus für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft beinhalten, werden von der Kirche heute nicht mehr erreicht. Dabei sei nicht die Kernbotschaft der Kirche das Problem, sondern eher das Auftreten von Kirche, das Empfinden, dass Kirche starr und unflexibel sei.

Jugendliche hätten durchaus Interesse, sich zu gemeinschaftlichem Tun zusammenzuschließen, aber sie wollten dabei eben auch mitreden und Ernst genommen werden. Daher fänden insbesondere dynamische Jugendliche die Kirche als nicht so toll.

Auch würde das geringe Interesse nicht an einem Mangel an Werten oder Sinnsuche liegen. Die jungen Menschen seien auf der Suche nach dem „Richtigen und Wahren“, und auch „Spiritualität“ sei angesagt. Dennoch fänden die Jugendlichen ihre Werte aber eher bei solchen Gruppierungen wie Greenpeace, ATTAC oder Amnesty International verwirklicht, auch wenn das Thema „Spiritualtitä“ dort wahrscheinlich eher defizitär vorzufinden sein dürfte. Aber diese Organisationen seien ganz einfach überzeugender als die real existierende Kirche.

Ich gehe dabei davon aus, dass diese Studie ein wichtiges überkonfessionelles Schlaglicht auf die Lage wirft, auch wenn sie erst mal die römisch-katholische Kirche im Blick hatte. Damit sind sie eine Ansage, die von allen Kirchen Ernst genommen werden sollte. Vielleicht trifft mein Aufruf zu einer Debatte über „Kirche heute“ unter dem Blog-Beitrag „Church 2.0“ ja gerade im richtigen Moment auf den richtigen Bedarf. Ich bin gespannt.

Berichte u.a. zu der Studie:

Foto: Sebastian Staendecke, ideas-ahead.de – Quelle: http://www.pixelquelle.de

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. theolounge sagt:

    feiner Artikel, also sehr interessant ! Vor allem das letzte „Mit Kirche darf ich nicht Scheiße aussehen“ gefällt mir gut – also allein schon dieser Satz, weil er aus der Pastoralsprache hinausgeht und direkt zu den Jugendlichen 😉 – und um die geht es ja auch.

    Mir war Kirche früher übrigens auch viel zu fromm, ich komm von den Baptisten her. Und sie hatte irgendwo nichts mit der „normalen“ Welt zu tun, man stand immer zwischen zwei Welten.
    Irgendwann hörte ich mal, dass der historische Jesus tatsächlich gelebt hatte, in der Schule. Das erstaunte mich, weil eben diese kirchliche Welt und die Welt der Kirche komplett verschieden waren. Ich hatte zwar nicht wirklich daran gezweifelt, dass es Jesus wirklich gegeben habe, aber irgendwo passten diese beiden Weltbilder doch nicht zusammen. Und ich glaube, darum gehts: dass die Jugendlichen ihr Weltbild auch irgendwo in der Kirche vertreten finden müssen. Sie wollen nicht fromm heilige Liedchen singen. Sondern wollen spüren: hier ist etwas, das konkret mit mir und meinen Alltagsproblemen zu tun hat – und das nicht abstrus ist, sondern etwas ist, das von vielen Leuten – auch aus geisteswissenschaftlicher Sicht – ernstgenommen wird.

  2. Philip sagt:

    Also ich sehe die Probleme so:
    Natürlich schrecken altmodische Sachen ab. Ich mag z.B. keine Orgelmusik und würde im Gottesdienst lieber ne Gitarre hören. 🙂
    Für manche Jugendliche mag sowas wichtig sein, aber das größte Problem wird das nicht sein.

    Schlimmer ist, denke ich, dass man in der Kirche als junger Mensch und als Gläubiger von den „Obrigen“ bevormundet wird. In der katholischen Kirche ist das vielleicht etwas schlimmer, als in der evangelischen, denn dort wird mehr Vertrauen auf den „mündigen Gläubigen“ und die „allgemeine Priesterschaft“ gesetzt.
    In unsrer heutigen Gesellschaft muss die Meinung des Einzelnen stärker einbezogen werden. Vor allem junge Menschen müssen auch Verantwortung tragen dürfen und in eigenen Projekten nach ihren Vorstellungen etwas auf die Beine stellen müssen. Da sind viele Kirchengemeinden vielleicht auch zu groß, in kleinen Gruppen wäre das besser. Da muss unbedingt ein umfangreiches Angebot her, das von jungen Leuten für junge Leute entworfen wird.

    Das schlimmste ist aber, dass irgendwie die Gottesbotschaft verloren gegangen ist, bzw. nicht mehr den eigentlichen Stellenwert hat. Die Argumentationen in Predigten klammern Gott weitestgehend aus und orientieren sich an allgemeinen Erwägungen.
    Das Ziel einer Predigt muss aber sein, den Heiligen Geist in den Leuten zu entfesseln und den Glauben zu stärken.
    Ich denke, da ist ATTAC und AI vielleicht sogar spiritueller, weil die Leute dort wirklich mit Herzblut dabei sind.

    Also ich bin wirklich gespannt, wie Jesus seine Gemeinde weiter bauen wird. Die großen Kirchen haben momentan offensichtlich Probleme. Für mich sind die freien Gemeinden ein Lichtblick.

  3. Tja, eigentlich mag ich Orgelmusik ja recht gerne (zumindest wenn es eine gute Organistin resp. ein guter Organist ist, der am Instrument sitzt …); aber vielleicht bin ich mit meinen 42 Jährchen ja auch nicht mehr ganz so jung ;-).
    Der Analyse von Philip möchte ich aber doch ein wenig widersprechen: Ich habe jetzt zwar kein Zahlenmaterial zur Hand, aber zumindest habe ich nicht unbedingt Kenntnis darüber, dass sich in den evangelischen Kirchen die Jugendlichen sehr viel ernster genommen fühlen, als bei den katholischen Kirchen (zudem ja nicht alle katholischen Kirchen hierarchisch strukturiert sind).
    Und gegenüber den von Philip als „Lichtblick“ bezeichneten freien Gemeinden bin ich etwas zurückhaltend. Ich habe bei den entsprechenden Gemeinden manchmal das Gefühl, dass über der „Freiheit des Christenmenschen“ der Wert der gemeinsamen christlichen Tradition und das verbindlich-verbindende der Kirchen keinen sonderlich hohen Wert besitzt. – Ich bestreite ja nicht das Wirken des Heiligen Geistes auch in den heute existierenden Gemeinden, aber ich glaube nicht, dass jede innere Regung gleich vom Heiligen Geist verursacht ist. Da sollte man sich immer kritisch von Schrift und Tradition hinterfragen lassen. So meine (alt-)katholische Sichtweise.
    Soweit ich sehe, wird die Debatte, die mit dieser Studie angestoßen wurde, übrigens auch in anderen Beiträgen in der Blogosphäre geführt.
    Zum Beispiel schreibt Christian Ansorge, Pallottiner-Frater, in seinem Blog als ein Resumee: „Häufig ist Kirche ganz einfach „sprachlos“ und muß dringend lernen, wieder die Sprache der (jungen) Menschen zu sprechen. Denn eines ist nicht wegzudiskutieren: die Zukunft der Kirche liegt nicht in rückwärtsgewandten Traditionalisten und Fundis, sondern in der Jugend von heute!“

  4. Philip sagt:

    Ja, ich kenne da nicht so genau die Unterschiede in den katholischen Gruppierungen. Wenn ich von „katholisch“ rede, dann meine ich meistens hauptsächlich die römisch-katholische Kirche.

    Gut möglich, dass die Jugendlichen sich in der evangelischen Kirche auch nicht ernst genommen fühlen, aber ich glaube, man hätte hier grundsätzlich mehr Möglichkeiten, weil die ganze Lehre nicht so sehr auf diese Hierarchie ausgelegt ist, sondern man eher eine Gemeinschaft unter Gleichen leben will. Zumindest von der Theorie her, in der Praxis mag das vielleicht auch nicht so gelingen.

    Die evangelische Kirche in Deutschland schrumpft meines Wissens sogar stärker als die katholische Kirche, aber ich vermute, dass das eben damit zusammen hängt, dass in der evangelischen Kirche nicht mehr viel über Gott gepredigt wird. In dem Punkt schneiden die katholischen Kirchen vielleicht besser ab.

    Für mich ist es das Ziel, das Christentum so zu leben, wie es von den ersten Christen gelebt worden ist. Und zwar so, wie es in der Bibel beschrieben ist. Ich glaube nämlich, dass Gott will, dass wir genau so leben und Jesus nicht nur ein bisschen, sondern wirklich radikal nachfolgen. Wenn wir das beherzigen, dann wird Gott unser Tun auch segnen und seine Gemeinde wird in Deutschland wieder wachsen.

    Und da haben freie Gemeinden einfach die besseren Möglichkeiten, sowas umzusetzen. Das Projekt von Strassenpaster finde ich z.B. genial. Das muss ja auch nicht grundsätzlich als Konkurrenz zu den Kirchen geschehen, sondern kann sich ja ergänzen. Jeder Gläubige kann versuchen, einen Hauskreis o.ä. ins Leben zu rufen.

    Das Modell mit „einmal pro Woche in die Kirche“ halte ich nicht für zukunftsfähig. Kirche muss mehr sein als das. Die Menschen vereinsamen zunehmend und ich glaube, dass viele von ihnen, inbesondere junge Menschen, wirklich Interesse an einer richtig intensiven Gemeinschaft hätten.

    Philip

  5. ascelyday sagt:

    Hello,
    Just wanted to introduce myself.. Im Sean… glad to be here! Does anyone have any recommendations / advice on using this site?

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, müssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.