Vorsicht, Tradition!

crazy-mikey-aka-daskinnyblackman-flickr.jpgVor Jahren war ich mit einem Freund im Auto unterwegs. Wir hatten den einen oder anderen Joint geraucht und waren entsprechend etwas platt. Wir fuhren über eine Strasse und als ich aufschaute, kam das Auto vor uns immer näher. Es fuhr um einiges langamer als wir und mein Kollege fuhr einfach immer weiter.

„Brems!“, rief ich und er tat es.
Mittlerweile stand das Auto vor uns an einer roten Ampel (aha, deswegen fuhr es so langsam) und wir liessen etwas Gummi auf dem Asphalt, kamen aber noch rechtzeitig zum Stehen.
„was geht? Hast Du den nicht gesehen?“, fragte ich.
„Doch, gesehen habe ich ihn schon…“
„…aber? …“
„…irgendwie habe ich ihn nicht wahrgenommen.“

Es ist ohne weiteres möglich etwas zu sehen oder zu hören ohne es wahrzunehmen. Das geht geistlich genauso wie beim Autofahren. Tatsächlich ist es eine der grössten Gefahren überhaupt Bibel zu lesen oder mit Gott zu reden und nicht zu verstehen, was gemeint ist. Wir können unser ganzes Leben damit zubringen nichts zu verstehen und immerzu den Reichtümern Gottes hinterher zu leben ohne jemals in die Segnungen zu kommen, die er für uns hat. Das Neue Testament ist voll von Warnungen davor und von Ermahnungen zu hören.
„Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er!“, sagt Jesus z.B. in Markus 4,23 und meint damit nicht etwa, dass Leute ohne körperliche Ohren im Publikum sitzen. Er weiss, dass die allermeisten Menschen nicht in der Lage sein würden die ungeheuerliche Realität zu ergreifen die er predigte.

Die ganze Geschichte Jesu ist unglaublich. Da wartet ein Volk seit Jahrhunderten auf den Messias und als er vor ihnen steht ist es allenfalls eine Minderheit die ihn erkennt. Paradoxerweise sind es ausgerechnet die frommsten und orthodoxesten, diejenigen, die das Alte Testament am besten kannten und am meisten in der Lage sein müssten den Messias zu erkennen, die ihn nicht erkannt haben.
Jesu Geschichte mit den religiösen Leitern seiner Zeit ist ein einziges Trauerspiel. Keine Gruppe im NT bekommt so viel Ärger mit ihm wie die Pharisäer – und keine arbeitet so wütend an seiner Zerstörung wie gerade sie.

Um ehrlich zu sein, mir machen die Pharisäer angst. Nicht weil sie mir etwas zuleide tun könnten. Ich fürchte nicht die, die den Leib verderben können (Matthäus 10,28). Was mir Sorge macht ist das Wissen, dass die Pharisäer nicht „die anderen“ sind sondern dass auch in mir ein ganz probater Pharisäer steckt. Auch in mir ist etwas, das Gottes Reich aufhalten kann und sich gegen die Erkenntnis Jesu stellen will.
Das ist eine ernste Warnung an jeden Nachfolger Christi. Offensichtlich schützt ein gutes Bibelstudium nicht vor Irrtum und garantiert schon einmal überhaupt nicht, dass man Gottes Reich sieht. Eine der härtesten Ansagen an die Pharisäer ist diese:

Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel (der Tür) zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert. (Lukas 11,52)

Es ist also möglich den Schlüssel zum Reich zu haben und nicht hineinzugehen. Wie schrecklich!

Warum waren die Pharisäer so? Was hat dazu geführt, dass sie bei allem Bibelstudium Christus nicht erkannt haben? Die Antwort liefert wieder einmal Jesus selber:

Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter!, und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, daß einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Was ich dir schulde, ist Korbán, das heißt: eine Opfergabe. Damit hindert ihr ihn daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen. (Markus 7,10-13, Hervorhebung von mir)

Die Traditionen der Leute mit denen Jesus hier geredet hat waren so stark, dass sie es nicht mehr geschafft haben Gottes Wort einfach nur zu hören. Immer wenn sie in der Schrift gelesen haben, lasen sie nicht in erster Linie Gottes Wort an sie sondern sie lasen immer wieder ihre eigene Auslegungstradition. Ihre Traditionen wirkten wie ein Filter, durch den alles durchmusste was Gott sagte.
Obwohl es offensichtlich war, dass Gottes Wort sie herausforderte für ihre alten Eltern da zu sein und sie finanziell zu versorgen konnten sie sich dieser Verantwortung entziehen. Sie behaupteten einfach, dass sie das Geld als Opfergabe eingeplant hätten.
Tradition ist das einzige, wovon in der Bibel gesagt wird, dass es Gottes Wort wirkungslos macht. Tradition imprägniert uns, sie stellt einen wirksamen Schutz vor Gottes Reden dar, ihr Filter steht über allem. Wenn Gottes Wort seine Frische für uns verloren hat und uns über lange Zeit nicht mehr angesprochen hat, dann ist es gut möglich, dass sich Tradition eingeschlichen hat und es uns schwer fällt, Gottes Reden an uns wahrzunehmen. Wenn Du an diesem Punkt bist solltest Du unbedingt Buße tun. Wenn Gott keine Möglichkeit mehr hat seine Leute anzusprechen, dann ist es um das geistliche Weiterkommen geschehen. Ohne dass aus Logos Rhema wird und Gottes geschriebenes Wort in unser Leben spricht, ist es kaum möglich sich geistlich weiterzuentwickeln und dahin zu kommen wo uns Gott haben will.

Ich komme selber nicht aus christlichem Elternhaus und ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite ist es traurig weil ich dadurch durch einiges durchgegangen bin, was ich mir anders hätte ersparen können. Einige meiner alten Freunde sind an Drogen und Folgen des Konsums gestorben und ich habe viele Jahre verschwendet die ich gut für Jesus und das Evangelium hätte nutzen können. Auf der anderen Seite hat es mich davor bewahrt die Bibel von vornherein durch eine Brille der Tradition zu lesen.
Ich kenne so viele Christen, die mit der Theologie aufgewachsen sind, dass es keine Geistesgaben mehr gibt oder die von klein auf in der Überzeugung erzogen wurden, dass die Wundergeschichten in der Bibel nur Legenden sind. Solche Christen tun sich unendlich schwer damit Gott zu erfahren und ich bin wirklich dankbar, da keine Vorprägung in diese Richtung zu haben. Für manche, die Bultmann folgen, der in den 1940er Jahren das Evangelium „entmythologisiern“, es von allem „Wunderballast“ befreien und auf wesentliche Aussagen reduzieren wollte, ist es nicht möglich Gottes Übernatürlichkeit zu erleben. Andere langweilen sich beim lesen der Apostelgeschichte weil sie das Buch nur als historischen Bericht lesen können der sie nicht herausfordert, gleiches erleben zu wollen. Ich glaube, dass diese Traditionen von Dispensationalismus und historisch-kritischer Auslegung uns mehr Kraft gekostet haben als alles andere. Auch wenn es scharf und eventuell polemisch klingt glaube ich, dass diese Lehren (nicht ihre Anhänger!) zutiefst satanisch sind.

Ich halte eine Theologie, die uns mit einer blossen Form der Frömmigkeit zurücklässt, uns deren Kraft aber vorenthält (2.Timotheus 3,5), für zutiefst unausgewogen und falsch. Unsere Tradition darf nie so stark werden dass sie uns vorgaukelt, schon alles verstanden zu haben und uns damit davon abhält uns weiter nach dem König und seinem Reich auszustrecken!

Vorsicht mit Systemen!

Ich bin kein Freund von theologischen Systemen. Das Bekenntnis zu einer Denomination oder einer theologischen Denkrichtung ist fast immer der Beginn der Erstarrung. Eines ist klar: Systeme lassen sich auf die Bibel gründen, aber die Bibel lehrt kein System. Doctrina multiplex, veritas una – es gibt viele Lehren, aber nur eine Wahrheit! Als Christen sollten wir uns der Wahrheit verpflichtet sehen und nicht zu Hütern einer Ansicht werden. Einige Systeme sind besser als andere, was bedeutet, dass sie weniger falsch erscheinen, aber sie alle bilden schnell den Fallstrick der Tradition der uns davon abhält den Christus zu sehen.
Dabei ist es egal, ob wir Charismatiker sind oder Brüder, ob wir Katholiken sind oder Quäker – wir irren alle und sollten vorsichtig damit sein ein System als letzten Schluss der Weisheit anzusehen.

Wer Ohren haben will zu hören, der sollte sich die Einstellung des Jüngers zulegen der sagt: „alles ist mein. Es mag Luther sein oder Kenneth Hagin. Ich will von allen lernen jesusmässiger zu leben. Ich will bei allen das Gute behalten und das Schlechte verwerfen.“ Ich mag es nicht, wenn einzelne Lehrer in den Himmel gehoben werden und man nicht mehr die menschliche Begrenzung in ihnen sieht. Das ist gefährlich, auch beim Thema Heilung, wir sollten uns nach Jesus ausstrecken und zu ihm hinwachsen, nicht nach einer Lehre.
Karl Barth sagte einmal einer seiner Klassen: „ich habe gehört, dass es jetzt schon Barthianer gibt. Wenn sie einen von denen treffen, sagen sie ihm, ich wäre keiner.“ Eine gesunde Einstellung!

Wir könnten uns viel Diskussionen über göttliche Heilung ersparen wenn wir unvoreingenommen an die Bibel herangehen würden und sie in der Schlichtheit des Herzens lesen würden für die sie eigentlich geschrieben ist. Das Christentum war nie als eine Verstandessache gedacht – noch weniger wurde die Kirche als das Traditionsunternehmen geplant das aus ihr geworden ist!

Bild: Mikey aka DaSkinnyBlackMan , flickr.com

5 Comments

  1. Das Problem ist ja, dass man nicht ohne Auslegungssystem auskommt. Indem man sagt, dass man sich auf kein System festlegen soll, hat man ja schon wieder ein System aufgestellt.

    Das „Wohlstandsevangelium“ halte ich auch für eine schlimme Irrlehre. Da läuft man einmal im Kreis und landet wieder bei der „fleischlichen Gesinnung“ (Röm 8,6). Deshalb will ich von Hagin lieber nichts wissen und halte mich von seinen Lehren fern.
    Luther gegenüber bin ich viel aufgeschlossener, wobei ich auch weiß, dass er auch ein paar üble Schriften gegen Juden verfasst hat.

    Und das hängt natürlich mit der lutherischen Auslegungstradition zusammen, mit der ich aufgewachsen bin. Das hat mich eindeutig geprägt und ich werde mich zwar immer weiterentwickeln, aber wer seine grundlegende Meinung einmal ausgebildet hat, kommt irgendwann an den Punkt, an dem sie sich nur noch in Nuancen ändert (egal ob christlich erzogen oder nicht), sofern Gott einem nicht offenbart, dass man komplett auf dem falschen Weg ist.

  2. hagin ist nicht so schlecht wie sein ruf. deutschland setzt halt einen intellektuellen theologischen stanndard dem er nicht gerecht wird. aber wir sollten uns nicht zu sehr an diesen standard klammern, das christentum ist keine sache des intellekts.
    luther hatte viele grobe schnitzer: kindertaufe, unfreier wille, antisemitismus. da wurde schon viel gesiebt, dass er noch heute salonfähig ist. würde heute einer mit diesen einstellungen und ansichten auftreten könnte er in deutschland keinen bumentopf mehr gewinnen.

  3. @ philip,
    da Du Gottes geliebter Sohn bist, kannst Du gar nicht auf auf dem falschen Weg sein.
    Du kannst wohl Fehler machen, aber sobald Du sie erkannt hast und bereit bist daraus ist schon alles wieder in Butter.
    Ich empfehle Dir mal von John A.T. Robinson
    Gott ist anders – Honest to God 1963

    @storch
    Luther ist den Fürsten seiner Zeit zu Pass gekommen um sich von Rom und dem Kaiser zulösen und hat damit letzten Endes den 30jährigen Krieg heraufbeschworen.
    Luther hatte einen einen autoritären Vater und noch vor 30 Jahren konnte ich feststellen „die Prostestanten“ haben dem Wort das Fleisch genommen.

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